Selma Selbstmitleid greift an

Es ist wieder passiert: Ich wurde hinterrücks von einem altbekannten und mit allen Wassern gewaschenen, hinterhältigen Feind angegriffen – Selma Selbstmitleid hat wieder zugeschlagen.
Sie arbeitet mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, sie ist erfinderisch bis zum Exzess und Meisterin der Verkleidung. Sie kommt daher als gerechte Empörung, übersteigerte Empfindlichkeit; sie schraubt vorhandene Sensibilitäten so lange in die Höhe bis jegliche äußere Einflüsse nahtlos zu ihr fließen und sie sie zu ihrem Nutzen umformen kann.
Sie nährt sich von unausgesprochenen Gedanken, nicht vollendeten Gesprächen, falschverstandenen Situationen; alle Arten von nicht geschlichtetem Streit liebt sie über die Maßen: Wut und nicht abgeleitete Emotionen lassen sie aufquellen wie einen nassen, gelben Schwamm.
Demjenigen, der sich fallen läßt, verspricht sie ein bequemes, weiches Lager, man kann sich in ihr suhlen wie in einer tiefen, warmen Schlammpfütze. Wenn du sie lässt, umschließt sie dich vollständig und lückenlos, bis niemand mehr an dich und an sie herankommt – ihr zwei seid euch selber genug, ihr Ziel ist erreicht, sie hat dich.
Was man auch tut, sie ist immer im Hintergrund und wartet. Sie hat Zeit – viel Zeit, und Gelegenheiten gibt es viele. Aber wenn man weiß, daß sie wartet, kann man sich wehren und ihr den Zutritt verweigern, sie klein halten. Ob man sie ganz vertreiben kann? Keine Ahnung. Sie ist ein genialer Gegner. Vielleicht gibt es da draußen ja tatsächlich Menschen, die sie nicht kennen. Vielleicht haben sie sie aber auch bloß noch nicht erkannt.