Schwierige Kunden

Frau Möllendiek ist empört. Deswegen bestellt sie das größte Stück Sahntorte aus der Theke und dazu einen doppelten Cappuccino. Wie kann die Schmidt es wagen? Ihr in ihre innersten Angelegenheiten reinzuquatschen! Wenn das jeder tun würde! Nie wieder wird sie zu dieser Kaffeerunde gehen! Wozu auch? Besseren Kuchen gibt es sowieso überall, und auf den langweiligen Filterkaffee kann sie erst recht verzichten. Etwas heftiger als notwendig sticht sie mit der Gabel in die Sahnetorte.
„Ist hier noch frei?“
Unwillig sieht sie auf. Auch das noch. Dabei hatte sie so auf etwas Frieden gehofft. Vor ihr steht eine ziemlich runde, ältere Frau mit grauen Wallehaaren. Oh Gott, denkt Frau Möllendiek, ein Öko! Das hat ihr gerade noch gefehlt.
„Danke“, sagt die Frau mit den Wallehaaren, zieht einen Stuhl vom Nachbartisch heran und setzt sich. „Sie sahen aus, als ob sie Gesellschaft brauchen können.“
„Ach ja?“ sagt Frau Möllendiek spitz. „Wie kommen Sie denn auf diese Idee? Mir geht es sehr gut hier.“ Frechheit! Was bildet diese Person sich ein? Sie stopft sich die Gabel mit der Torte in den Mund und kaut grimmig.
Die Frau hat das milde Lächeln schon auf den Lippen und holt Luft, als sie es sich anders überlegt. Sie sieht Frau Möllendiek streng an. Frau Möllendiek umfasst ihre Kuchengabel etwas fester. „Wissen Sie was, meine Liebe?“ fragt die Frau mit einem leise drohenden Unterton, „ich bin Ihre letzte Chance. Sie sind mein Auftrag, und ich beiße mir an Ihnen die Zähne aus!“
Frau Möllendiek will etwas sagen, aber die Frau redet einfach weiter. „Haben Sie eine Ahnung, was es mich gekostet hat, Sie in diese Kaffeerunde zu bringen? Ich musste alle meine Gefallen einfordern und trotzdem noch endlose Verhandlungen führen! Und das alles, damit Sie nach zwei Besuchen alles hinschmeißen? Wollen Sie einsam sein? Bitte! Nur zu! Vergraulen Sie ruhig alle um sich herum! Ich habe meinen Teil getan.“ Die Frau verschränkt die Arme und sieht sie finster an.
Frau Möllendiek ist erstarrt, die Zinken der Kuchengabel zeigen wie zufällig auf die graue Frau. „Woher wissen Sie, dass ich aus einer Kaffeerunde komme?“ fragt sie mit aufgerichteten Häärchen an den Unterarmen.
„Ach“, wedelt die grauhaarige Frau die Frage weg, „viel wichtiger ist, warum Sie auf Frau Schmidt so sauer reagieren? Sie sind doch viel schlimmer.“
„Was?“ Ungläubig lässt Frau Möllendiek die Gabel sinken.
„Ja, was?“ Die graue Frau legt die Hände auf die Armlehnen des Stuhls und beugt sich vor. „Oder haben Sie Frau Schmidt etwa nicht gefragt, ob Sie beim Tanzen mit Herrn Bollenpieper ihren Mann nicht vermissen würde?“
Frau Möllendiek läuft rot an.
„Und was war das mit der Bemerkung über Frau Schulzes Gewicht? War das etwa taktvoll? Und was Sie da über den Hund von Frau Wunderlich gesagt haben?“ Die Frau schüttelt den Kopf. Ihr graues Haar wallt bedrohlich. „Ich wette, nachher gehen Sie nach Hause und bedauern sich, weil Sie allein vorm Fernseher sitzen. Jedes Mal dasselbe: Ich baue Ihnen Brücken und Sie reißen sie ein. Wissen Sie was? Ich bin es leid. Ich kündige. Ich will jemand anderen. Soll der Chef sich doch persönlich um Sie kümmern!“ Die Frau schiebt den Stuhl zurück und steht auf. „Und übrigens: Ich bin kein Öko!“
Frau Möllendiek sieht der Frau fassungslos hinterher. Was war das denn? Eine Verrückte. Ja. Es muss eine Verrückte gewesen sein. Aber woher wusste sie das alles? Hat sie, Frau Möllendiek, etwa laut gesprochen? So muss es sein. Was bedenklich ist. Vielleicht geht es bergab mit ihr. Aber das hat sie ja schon immer gewusst, früher oder später musste das passieren. Sie rührt in ihrem lauwarmen Cappuccino herum und schiebt den schlaffen Schaum von links nach rechts. Vielleicht hätte sie das mit Frau Schmidts Mann nicht aussprechen sollen. Aber warum darf die tanzen gehen und sie nicht? Das Leben ist ungerecht.
„Ganz genau. Darf ich?“
Frau Möllendiek sieht irritiert hoch. Was ist denn heute bloß los? Was kommt jetzt, noch jemand, der ihr sagt, was sie alles falsch macht?
„Nun, ich würde mich eher als Ratgeber bezeichnen. Darf ich?“
Frau Möllendiek hält die Luft an. Dann nickt sie langsam und der schlanke, ältere Herr setzt sich.
„Ich bitte, meine Kollegin zu entschuldigen, sie ist noch neu im Geschäft und Sie waren ihr erster, schwerer Fall. Aber jetzt bin ich ja hier.“
Der Mann lehnt sich zurück und Frau Möllendiek kann nicht anders, sie fühlt sich komisch. So geborgen. „Schwerer Fall?“ fragt sie zögernd.
„Lassen Sie uns plaudern“, sagt der ältere Herr. „Ist der Cappuccino hier gut?“
„Wenn man dazu kommt, ihn zu trinken, doch, ja.“ Frau Möllendiek zieht einen spitzen Mund.
„Schön. Das ist doch ein Anfang“, sagt der ältere Herr und lächelt.

Einwecken

Es gibt so Zeiten im Leben, da ist man auf einmal völlig grundlos glücklich. Es gibt keinen Grund, keinen Anlaß, große erhellende Einsichten bleiben aus und auch das Wetter ist eher durchschnittlich. Und trotzdem! Man sitzt da, sieht den Regentropfen an der Fensterscheibe zu und ist zufrieden, ja, völlig unsinnigerweise sogar glücklich. Warum?
Eigentlich egal, dieser Zustand ist selten und deswegen zu hüten wie ein reifer Pfirsich, der auch so ziemlich alles übel nimmt. Ab und zu dauert dieser Zustand auch noch an – mehrere Tage oder vielleicht sogar mehrere Wochen. Dann hat man so ein weiches, ausgefülltes Gefühl in Kopf und Bauch, und man ertappt sich dabei, dass man lächelnd durch die Stadt läuft.
Leider geht das immer vorüber, und der übliche Alltag setzt wieder ein. Das ist nicht weiter schlimm, nur normal, aber es wäre doch schön, wenn man sich über die normale Erinnerung hinaus ab und an eine Portion reale, anfaßbare Erinnerung gönnen könnte – nur so, als kleine Überbrückungshilfe, wenn es mal wieder besonders alltäglich geworden ist. Man müßte dieses weiche, ausgefüllte Gefühl irgendwie aufbewahren können. In Einmachgläsern zum Beispiel. Ja! Da stünden dann nebeneinander:

Zufriedenheit & 2 Minuten Gelächter, eingeweckt am 03.02.
Oboenspieler gelauscht & 2 Euro gegeben, eingeweckt am 17.04.
Passanten angelächelt & Katze gestreichelt, eingeweckt am 23.07.
Schneeflocken auf der Nase & Schneestille, eingeweckt am 13.01.

Und so weiter. Und wenn man dann an einem grauen Morgen das dringende Bedürfnis verspürt, das Alltägliche etwas aufzupeppen, nimmt man eines der Gläser, öffnet es und atmet tief-seeeehr tief ein. Ehrlich, ich finde die gar nicht so schlecht, die Idee…

Balance

Es ist doch komisch. Da hegt und pflegt man sich, gönnt sich Ruhe und einen schönen langen Spaziergang, und das auch noch bewusst und ganz und gar gewollt. Alles, um sich zu entspannen, um zur Ruhe zu kommen und den Stress des Alltags abzuschütteln.
Alles wunderbar. Muß ja auch mal sein, wirklich.
Aber wieso muß ich dann so verdammt lange überlegen, wenn mich jemand fragt, was ich am letzten Wochenende gemacht habe? Warum muß ich erstmal zwei Minuten in mich gehen, um mir dann eine vage, nebelverhangene Auskunft über fernsehen/lesen/erholen abringen zu können?
Hatte man im Gegensatz dazu ein vollgestopftes, anstrengendes Wochenende, weiß man genau, was wann war, und kann ohne jegliche Probleme für ein Viertelstündchen zum Alleinunterhalter werden. Und irgendwie scheint dieses Wochenende auch länger gewesen zu sein. Im Nachhinein, natürlich. Während man drin war, floss es wie Wasser durch die Finger.
Sind also die entspannten Tage die langweiligen? Und die anstrengenden die spannenden? Ja! Und nein. Irgendwie muß es möglich sein, die Balance zwischen diesen beiden Polen zu finden. Nur Entspannung wird in der Tat irgendwann langweilig. Wenn nichts mehr passiert, verliert das Leben doch beträchtlich an Würze. Aber zuviel an Würze bringt die Geschmacksnerven um – immer nur Chili? Man stelle sich das vor, morgens, mittags, abends…
Balance – das ist es…

Am Wochenende

Am Wochenende stand ich mit dem Kopf im Nacken unter einigen riesigen Kiefern und starrte nach oben. Da oben, ganz, ganz hoch oben, in der äußersten Spitze, kletterte ein Kind herum, traumwandlerisch sicher, völlig ohne Angst, ohne einen einzigen Fehlgriff oder Abrutscher.
Von unten sah ich ab und zu einen bunten Pulli zwischen wippenden Zweigen auftauchen, ein paar Kiefernnadeln und Rindenstückchen fielen in mein Gesicht, während das Kind mich von da oben herab fragte, warum ich nicht auch raufkäme? Das wäre ganz einfach, wirklich, und ich müßte gar keine Angst haben, und wenn ich nicht wüßte, wie es ginge, kein Problem, das könne man mir zeigen! Ein Fuß hierhin und die Hand nach da oben und dann den anderen Fuß auf den abgebrochenen Ast, siehst du, so, das ist ganz einfach, wirklich!
Naja, früher konnte ich das auch, ein Baum war mein zweites Zuhause, da habe ich gelesen und geträumt und mich gefreut, dass die Erwachsenen nicht raufkamen. Aber heute? Jetzt?? Auf diesen Baum? Er sieht nicht wirklich stabil aus, schwerer bin ich auch geworden, von der Gelenkigkeit mal ganz abgesehen. Und – es ist verdammt hoch. Der Weg nach unten ist weit, und da liegt keine Schaumgummimatte auf dem Boden. Es gibt kein Kletterseil. Nein. Früher, ja, da war das etwas ganz anderes!
Und so stand ich unter dem Baum und sah nach oben und hatte eine seltsame Gefühlsmischung in mir, ein bißchen Staunen über dieses Kind, eine kleine Prise Angst, etwas Neid und ein bißchen Sentimentalität wegen vergangener Zeiten. Und einen großen Haufen Glück, weil ich genau zum richtigen Zeitpunkt dort unter den Bäumen war, wo ich all das sehen konnte.
Und wenn, ja, wenn da nicht noch mehr Erwachsene gewesen wären, dann hätte ich es doch versucht… nur noch einmal. Kindsein ist vielleicht doch keine Frage des Alters. Oder?

Selma Selbstmitleid greift an

Es ist wieder passiert: Ich wurde hinterrücks von einem altbekannten und mit allen Wassern gewaschenen, hinterhältigen Feind angegriffen – Selma Selbstmitleid hat wieder zugeschlagen.
Sie arbeitet mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, sie ist erfinderisch bis zum Exzess und Meisterin der Verkleidung. Sie kommt daher als gerechte Empörung, übersteigerte Empfindlichkeit; sie schraubt vorhandene Sensibilitäten so lange in die Höhe bis jegliche äußere Einflüsse nahtlos zu ihr fließen und sie sie zu ihrem Nutzen umformen kann.
Sie nährt sich von unausgesprochenen Gedanken, nicht vollendeten Gesprächen, falschverstandenen Situationen; alle Arten von nicht geschlichtetem Streit liebt sie über die Maßen: Wut und nicht abgeleitete Emotionen lassen sie aufquellen wie einen nassen, gelben Schwamm.
Demjenigen, der sich fallen läßt, verspricht sie ein bequemes, weiches Lager, man kann sich in ihr suhlen wie in einer tiefen, warmen Schlammpfütze. Wenn du sie lässt, umschließt sie dich vollständig und lückenlos, bis niemand mehr an dich und an sie herankommt – ihr zwei seid euch selber genug, ihr Ziel ist erreicht, sie hat dich.
Was man auch tut, sie ist immer im Hintergrund und wartet. Sie hat Zeit – viel Zeit, und Gelegenheiten gibt es viele. Aber wenn man weiß, daß sie wartet, kann man sich wehren und ihr den Zutritt verweigern, sie klein halten. Ob man sie ganz vertreiben kann? Keine Ahnung. Sie ist ein genialer Gegner. Vielleicht gibt es da draußen ja tatsächlich Menschen, die sie nicht kennen. Vielleicht haben sie sie aber auch bloß noch nicht erkannt.

Chaos

Es gibt so Tage, an denen verliert man irgendwie den Überblick. An diesem Wochenende hatte ich so einen Moment, da saß ich an meinem Schreibtisch und wußte plötzlich nicht mehr, in welchem Papierhaufen was liegt. Dabei mache ich immer schon einzelne Mappen für die verschiedenen Sachen, die anstehen – allerdings müßte man dann die neuen Blätter, die unweigerlich dazukommen, auch in die Mappen einsortieren… tja.
Dann habe ich unklugerweise erstmal mails abgerufen, normalerweise immer ein wunderbares Mittel, um mich noch ein paar Minuten vor den drängelnden to-do-Listen drücken zu können. Naja. In den mails diesmal lauter freudestrahlende Menschen, die mir erzählen, was sie alles schon getan haben und noch tun werden und wo denn mein Teil bliebe? Ob ich da und da dran denken würde? Und wann wollen wir uns das nächstmal zum Vorbereiten treffen? Argh… und ich weiß noch nicht mal, wo die halbfertigen Entwürfe dafür rumliegen…
Es gibt auch Tage, da weiß man, man müßte eigentlich noch drei Menschen endlich zurückrufen, und weitere zwei hatten Geburtstag, die Eltern erkennen einen schon nicht mehr, wenn man vor der Tür steht. Theoretisch wollte man noch einige Postkarten verschicken, und die Zusagefrist für eine Hochzeit ist schon abgelaufen – man hätte nur mal das Antwortschreiben ausfüllen und absenden müssen.
Und die Wohnung ist ein Schlachtfeld. Keine Socken mehr, im Biomüll entwickeln sich langsam neue Lebensformen, im Kühlschrank liegt eine einsame Tomate und die Balkonpflanzen welken vor sich hin. Wenn du sie dann endlich gießt, sehen sie dich vorwurfsvoll an und drehen ihre Köpfe weg. Meistens klingelt in diesem Moment das Telefon und ein netter Mensch fragt dich, ob du Lust hast, schwimmen zu gehen… oder fahrrad zu fahren…
Wie gesagt, es gibt Tage, da verliert man den Überblick – aber wunderbarerweise macht das nichts. Gar nichts! Denn mein Chaos ist bunt und sprüht vor Leben! Es spornt mich an und macht mir Feuer unter meinen vier Buchstaben, die sonst mit Sicherheit viel zu oft vorm Fernseher säßen. Es öffnet meine Augen für Dinge, die ich anders nicht sehen würde, und es macht mich weichherzig gegenüber Menschen, die auch nicht alles auf die Reihe kriegen. Chaos ist schön. Wie war das noch? Aus dem Chaos erschuf Gott die Welt – mal sehen, was ich daraus machen kann.

keine frage

sanft trudeln die worte in meinem bauch herum
pieksen hier drücken da
wellen der schmermut durchströmen mich warm
treiben mir das wasser in stirn und augen
bin zu klein für all das große in mir
fühle mich ausgebeult von emotionen
hasse all die leute um mich herum
mit ihren belanglosigkeiten
bin allein zurückgelassen worden
die einsamkeit ist grenzenlos
treibe allein im all
losgelöst von allem
was hält und liebt
bin nutz und hilflos
möchte mich in mir verkriechen
niemand kann mich finden
niemand sucht mich
ich möchte eine warme hand an meiner wange spüren
mich ankuscheln
den herzschlag hören
so bleiben eine ewigkeit lang
ich brauche einen gott und menschen zum leben
ob ich will oder nicht ist keine frage
meine existenz hängt daran