Künstler

Ich betrachte mein Bild und bin unzufrieden. Die Farben sind ganz ok. Aber sonst? Ich gucke die Originale an. Sie sind perfekt. Ich stütze mein Kinn in die Hand und schiele zu Gott rüber. „Und? Gefällt´s dir?“ frage ich.
„Sehr gut.“ Er nimmt mein Bild in die Hand. „Man sieht sofort, dass es ein Birkenblatt ist. Die Adern hast du gut hingekriegt. Und es leuchtet.“ Er lächelt.
Ich bin skeptisch. Die Originale liegen überall neben uns herum oder fallen gerade vom Baum. Jedes einzelne ist besser als meins. „Hm“, sage ich.
„Doch! Ich hab gesehen, wie viel Zeit und Überlegung du hineingesteckt hast! Es ist doch für mich, oder?“ Er klingt hoffnungsvoll.
„Wenn du es wirklich haben willst“, sage ich, „du hast doch jede Menge besserer Blätter hier.“
Gott piekst mit seinem Zeigefinger auf mein Blatt. „Es kommt nicht immer auf Perfektion an“, sagt er, „manchmal ist es wichtiger, warum du es tust, oder für wen.“
„Na dann“, sage ich, „bitteschön. Ein Geschenk von mir für dich.“ Dann füge ich noch hinzu: „Du kannst ganz schön einschüchternd sein, weißt du das?“
Ein perfektes, gelbes Blatt landet auf seiner Schulter. Er wischt es weg und nimmt meine Zeichnung in die Hand. „Ich weiß“, sagt er und fährt mit dem Finger die Umrisse entlang.
Ich bin ein bisschen stolz. Doch, das Gelb habe ich ganz gut hinbekommen.

Morgennebel

Jetzt ist wieder die Zeit – fährt man morgens über die Landstraßen, ist er da, der Morgennebel. Weich liegt er auf hölzernen Zäunen und Gräben, wabert über die feuchten Straßen, bleibt an Büschen hängen und streckt seine langen Finger über die Wiesen aus.

Neulich beim Fahren kam mir der Gedanke, dass diese Gespinste aus Wassertröpfchen und Luft Gottes Träume sein könnten. Er träumt sie in klaren Nächten, wenn die Sterne am Himmel stehen und die Luft so klar und kalt ist, dass man die Milchstraße erkennen kann und manchmal Satelliten vorüberziehen sieht. Sanft sinken sie auf unsere Wiesen und verwandeln scharfe Konturen in federzarte Rundungen.

Schöne, stille Gedanken sind das, von großer Güte und Harmonie, und doch kristallklar wie Wassertropfen am Morgen. Und er hält sie nicht auf, lässt sie herabsinken für uns, damit wir kurz innehalten, früh, am Morgen, wenn wir schon keine Zeit mehr haben und eilig irgendwohin müssen. Damit wir sehen, wie schön ein Morgen in unserer Welt ist, welch ein lebendiges Wunder um uns herum, immer und immer wieder, jeden Tag neu.