Alles

„Hör mal“, sagst du.
„Ja?“ sagt Gott.
„Ich habe gehört, dass du alles über mich weißt. Stimmt das?“
„Ja“, sagt Gott.
„Oh“, sagst du. „Alles? Wirklich?“
Gott nickt.
„Das ist… ziemlich viel“, sagst du und fühlst dich unbehaglich.
Gott nickt wieder. Er hat seine Hände gefaltet vor sich auf den Tisch gelegt.
„Kann ich mein Veto einlegen?“ fragst du.
Gott schüttelt den Kopf. „Nein“, sagt er.
Du überlegst, an was du heute morgen schon alles gedacht hast. Eieiei. „Das gefällt mir nicht“, sagst du.
„Ich weiß“, sagt Gott und lächelt.
Du bist empört. „Aber ich habe doch wohl ein Recht auf Privatsphäre!“
„Bei mir nicht“, sagt Gott.
„Das geht doch nicht! Du darfst nicht die ganze Zeit in meinen Gedanken rumwühlen!“ rufst du wütend, „ich tue das bei dir doch auch nicht!“ Du lässt großzügig unter den Tisch fallen, dass du das gar nicht kannst. Hier geht es schließlich um Grundsätzliches.
„Ich habe dich gemacht“, sagt Gott und blickt dir in die Augen, „natürlich kenne ich alle deine Gedanken. Was wäre ich für ein Schöpfer, wenn ich nicht an dir interessiert wäre?“
„Aber… aber…“ stammelst du, „… trotzdem!“
„Und glaub mir, meine Gedanken willst du gar nicht kennen. Dein Kopf würde explodieren“, fügt Gott sachlich hinzu. Er lehnt sich zurück und nimmt einen Schluck Kaffee. „Ändert sich für dich was, wenn du weißt, dass ich deine Gedanken kenne?“
Du holst tief Luft. „Natürlich! Was glaubst du denn! Ich kann doch nie wieder in Ruhe denken, wenn ich weiß, dass du mitliest!“
Gott lacht laut los, verschüttet Kaffee und setzt seine Tasse zurück auf den Tisch. „Meinst du, ich würde peinlich berührt erröten? Es gibt absolut nichts, was du denken könntest, was ich nicht schon gedacht habe. Glaub mir!“
Du merkst, dass du rot wirst. „Du hast gut reden! Mir ist das peinlich! Ich will vieles gar nicht denken, aber es passiert einfach, da kann ich überhaupt nichts gegen tun!“
Gott legt kurz seine Hand auf deine und nimmt sie wieder weg. „Mach dir keine Sorgen. Es ist ok, wirklich. Solange wir miteinander reden, ist alles gut.“
Du bist nicht überzeugt. „Ich finde das unfair. Manchmal braucht man doch eine Auszeit! Um ganz bei sich zu sein!“
„Du bist doch ganz bei dir, oder etwa nicht?“ Gott sieht dich an. Dann schüttelt er den Kopf. „Ich kann es nicht ändern. Du bist bei mir und ich bin bei dir. So ist es.“
Du erinnerst dich. „Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer… „
„… so würde ich dich auch dort halten und bei dir sein“, antwortet Gott.
Du überlegst. Auf den Flügeln der Morgenröte reisen klingt verlockend. Das wolltest du schon immer mal tun, aber du hattest Angst. So weit weg, ganz allein. Wenn Gott dabei wäre… vielleicht ist dieses Konzept des alles Wissens und immer da seins doch nicht komplett übel. „Naja…“ sagst du schließlich widerwillig, „aber ich hasse es, wenn man mir ein schlechtes Gewissen macht!“
„Ich weiß“, sagt Gott.
„Ich kann ja versuchen, mir Mühe zu geben mit meinen Gedanken“, sagst du steif.
„Ach, lass das. Mir ist lieber, du bist ehrlich“, sagt Gott. Dann zwinkert er dir zu. „Und es ist viel interessanter, wenn du nicht versuchst, heilig zu sein. Weißt du noch, deine Franziskus-Phase vor ein paar Jahren? Das war anstrengend.“ Er schüttelt den Kopf. „Menschen sind nicht heilig, so habe ich euch nicht gemacht. Fürs Heiligsein habe ich meine Engel, das reicht mir völlig.“
Du atmest tief ein und wieder aus. Na gut. Dann wirst du eben weitermachen wie bisher.
„Genau“, sagt Gott. „Morgen, selber Ort, selbe Uhrzeit?“
Du nickst.
Und Gott ist verschwunden.

Fragen

An diesem Wochenende saß ich ziemlich lange auf meinem Balkon und habe in den Himmel geguckt. Da gab es graue, schwere Wolken, kleine weiße, ganz leichte schleierartige, gelb und blau gefärbte… und dazwischen immer wieder die Düsenjets der Natur, Schwalben. Jede Menge davon. Andere Vögel sind natürlich auch durchs Bild geflogen, aber die sind eher langweilig – schnurgerade von A nach B, null Umweg, während die Schwalben rauf und runter, im Zickzack und Looping um Bäume und Hausecken flitzen, niemals irgendwo gegen prallen und dabei noch elegant aussehen.
Als ich also so dasaß, mit einem kühlen Getränk in der Hand und Vogelgezwitschere im Ohr, kam von ganz unten ein kleiner Gedanke gequollen, eine Frage, und weil ich gerade nichts zu tun hatte, habe ich ein kleines Frage-Antwort-Spiel mit mir selber gespielt:
Wo ist hier eigentlich Gott?
Viele Leute sagen doch sinngemäß solche Dinge: Gott ist überall, er ist in allen Dingen, vor allem in der Natur. Ist er also in den Wolken? Oder über den Wolken? Eher nicht. Flugzeuge mit Kondensstreifen nehmen diesem Gedanken irgendwie den Reiz. Oder ist er in den Schwalben? In den Blumen auf dem Balkon? Zugegeben, sie sind wirklich hübsch und bei näherer Betrachtung ein kleines Wunder usw. usf., aber göttlich? Nein. Ist er im Wind? In der Sommerluft? Vielleicht, aber in dem Moment, wo es anfängt nach Benzin oder Abgasen zu riechen, verflüchtigt sich diese Annahme sehr schnell. Ist er vielleicht in mir? Nein, auf keinen Fall, ich kenne mich sehr gut, ich bin höchst menschlich – da gibt´s nicht mal einen Schimmer von göttlichem Glanz, höchstens glänzt da mal wieder ein Sonnenbrand irgendwo.
Tja. Wo ist er dann? Meine eigene bescheidene Annahme: Wir Menschen sehen vieles und wissen vieles und sind dabei umgeben von unserer Welt. Wir leben zwischen Schwalben und Blumen und Autos, atmen Luft und Wind, fühlen die Schwerkraft, sehen die Sonne und wissen, es gibt ein All. Alle unsere Sinne sind auf diese Welt ausgerichtet. Wer sagt, dass es nicht mehr gibt? Ist Rot immer Rot? Insekten sehen Farben anders als wir, die Welt der Hunde ist schwarzweiß. Wir können nicht anders, wir leben hier, in unserer Welt. Gott nicht. Gott kann anders. Wenn wir ihn nicht dahaben wollen, ist das kein Problem, aber er ist da – nur einen Atemzug entfernt und unfassbar anders als wir.
Und wo ist er nun? Mit meinem leeren Glas in der Hand wußte ich es ungefähr 10 Sekungen lang – genau hier und jetzt ist er da. Weil ich ihn gebeten habe, da zu sein. Und dann bin ich schlafen gegangen.