Chaos

Es gibt so Tage, an denen verliert man irgendwie den Überblick. An diesem Wochenende hatte ich so einen Moment, da saß ich an meinem Schreibtisch und wußte plötzlich nicht mehr, in welchem Papierhaufen was liegt. Dabei mache ich immer schon einzelne Mappen für die verschiedenen Sachen, die anstehen – allerdings müßte man dann die neuen Blätter, die unweigerlich dazukommen, auch in die Mappen einsortieren… tja.
Dann habe ich unklugerweise erstmal mails abgerufen, normalerweise immer ein wunderbares Mittel, um mich noch ein paar Minuten vor den drängelnden to-do-Listen drücken zu können. Naja. In den mails diesmal lauter freudestrahlende Menschen, die mir erzählen, was sie alles schon getan haben und noch tun werden und wo denn mein Teil bliebe? Ob ich da und da dran denken würde? Und wann wollen wir uns das nächstmal zum Vorbereiten treffen? Argh… und ich weiß noch nicht mal, wo die halbfertigen Entwürfe dafür rumliegen…
Es gibt auch Tage, da weiß man, man müßte eigentlich noch drei Menschen endlich zurückrufen, und weitere zwei hatten Geburtstag, die Eltern erkennen einen schon nicht mehr, wenn man vor der Tür steht. Theoretisch wollte man noch einige Postkarten verschicken, und die Zusagefrist für eine Hochzeit ist schon abgelaufen – man hätte nur mal das Antwortschreiben ausfüllen und absenden müssen.
Und die Wohnung ist ein Schlachtfeld. Keine Socken mehr, im Biomüll entwickeln sich langsam neue Lebensformen, im Kühlschrank liegt eine einsame Tomate und die Balkonpflanzen welken vor sich hin. Wenn du sie dann endlich gießt, sehen sie dich vorwurfsvoll an und drehen ihre Köpfe weg. Meistens klingelt in diesem Moment das Telefon und ein netter Mensch fragt dich, ob du Lust hast, schwimmen zu gehen… oder fahrrad zu fahren…
Wie gesagt, es gibt Tage, da verliert man den Überblick – aber wunderbarerweise macht das nichts. Gar nichts! Denn mein Chaos ist bunt und sprüht vor Leben! Es spornt mich an und macht mir Feuer unter meinen vier Buchstaben, die sonst mit Sicherheit viel zu oft vorm Fernseher säßen. Es öffnet meine Augen für Dinge, die ich anders nicht sehen würde, und es macht mich weichherzig gegenüber Menschen, die auch nicht alles auf die Reihe kriegen. Chaos ist schön. Wie war das noch? Aus dem Chaos erschuf Gott die Welt – mal sehen, was ich daraus machen kann.