Abschied im Guten

Dieses Wochenende ist jemand aus unserer Gemeinde gestorben. Ich finde, sie war eine außergewöhnliche Frau, und obwohl ich nie ein längeres Gespräch mit ihr geführt habe und auch keine nähere Beziehung zu ihr hatte, beschäftigt mich ihr Tod.
Sie war einer dieser Menschen, die Helligkeit um sich verbreitet haben. Man hat ihr gerne zugehört und sich gefreut, wenn sie einen begrüßt hat – und sie hat immer alle begrüßt. Jung war sie nicht mehr, 75 Jahre ist sie alt geworden, aber ihr Kopf war im Heute zuhause und ihr Herz war immer weit und sehr warm.
Einmal war sie in unserem Jugendkreis eingeladen, um etwas aus ihrem Leben zu erzählen, und dieser Abend zählt zu denen, die man nicht so schnell vergisst. In vielen Gesprächen fiel ihr Name, sie war eine Authorität für Menschen jeden Alters, und sie ist und bleibt ein Vorbild. Wie schafft man es, älter zu werden und das zu akzeptieren, die Erkenntnisse und Erfahrungen des Älterwerdens anzunehmen, dabei aber trotzdem geistig jung zu bleiben und sich ein weites Herz zu bewahren? Ihr ist es gelungen.
Die Menschen, die mit ihr zu tun hatten, ihre Verwandten und Freunde könnten sicherlich sehr viel mehr erzählen als ich, aber selbst meine wenigen Erfahrungen mit ihr waren etwas besonderes. Es schmerzt, dass sie schon gehen mußte, wir werden sie schrecklich vermissen. Aber sie ist da, wo sie hinwollte – und wir hatten sie eine lange Zeit hier, sie hat uns bereichert und uns vieles beigebracht. Das zu wissen, ist tröstlich.

Erkenntnisse

Dieses Wochenende war anstrengend, und es brachte eine Erkenntnis mit sich. Manchmal verliebt man sich in eine Idee – sie ist so hell und strahlend, und sie bringt so viel Freude mit sich, man kann gar nicht anders, man muß sie lieben, und alles, was man tut, unterwirft man der Entwicklung dieser Idee. Sie wird umsorgt, gehätschelt, man bringt ihr viel Zeit und Kreativität entgegen – kurz: Man tut alles, damit es ihr gut geht.
Wenn man aber genau hinsehen würde (was man natürlich nicht tut, denn man ist ja geblendet vom Licht), gibt es da einige Untiefen. Schattige Stellen. Ungereimtheiten. Zuerst will man es nicht sehen, dann nimmt man es wahr, erträgt es aber nicht, genau hinzusehen, zuletzt erkennt man, ob man will oder nicht. Dann fängt die Trauerarbeit an. Abschied nehmen von dem, was das Leben eine Zeitlang sehr hell gemacht hat: Freundschaft, Liebe, eine Vision, ein Lebensentwurf, was auch immer.
Vielleicht muß man ganz Abschied nehmen. Vielleicht ist es die eigene Idealvorstellung, die nicht funktioniert hat, und man könnte es auf ein machbares Maß herunterbrechen. In jedem Fall schmerzt der Abschied, denn man hat die Idee wirklich geliebt. Mit allen Facetten. Die Erkenntnis ist da, aber sie brachte keinen strahlenden Blick in die Zukunft, sondern die Einsicht: Man hat sich getäuscht. Tatsächlich. Obwohl man sich so sicher war.
Und das ist das einzig Gute an so einer Ent-Täuschung: Tatsächlich. Man kann sich täuschen. Obwohl man es anders gedacht hatte. Ich bin mir meiner Gedanken oft so sicher, dass ich vergesse, wer ich bin. Nämlich ein Mensch unter vielen Menschen, die alle denken, sie hätten die einzig wahre Sicht aller Dinge. Wenn aber jeder Mensch das von sich denkt und demnach immer Recht hätte – dann haben wir wohl ein Problem, oder? Wie hält Gott es bloß mit uns aus? Es ist mir ein Rätsel. Aber ich bin ja auch nur ein Mensch. Gott sei Dank.