Am Wochenende

Am Wochenende stand ich mit dem Kopf im Nacken unter einigen riesigen Kiefern und starrte nach oben. Da oben, ganz, ganz hoch oben, in der äußersten Spitze, kletterte ein Kind herum, traumwandlerisch sicher, völlig ohne Angst, ohne einen einzigen Fehlgriff oder Abrutscher.
Von unten sah ich ab und zu einen bunten Pulli zwischen wippenden Zweigen auftauchen, ein paar Kiefernnadeln und Rindenstückchen fielen in mein Gesicht, während das Kind mich von da oben herab fragte, warum ich nicht auch raufkäme? Das wäre ganz einfach, wirklich, und ich müßte gar keine Angst haben, und wenn ich nicht wüßte, wie es ginge, kein Problem, das könne man mir zeigen! Ein Fuß hierhin und die Hand nach da oben und dann den anderen Fuß auf den abgebrochenen Ast, siehst du, so, das ist ganz einfach, wirklich!
Naja, früher konnte ich das auch, ein Baum war mein zweites Zuhause, da habe ich gelesen und geträumt und mich gefreut, dass die Erwachsenen nicht raufkamen. Aber heute? Jetzt?? Auf diesen Baum? Er sieht nicht wirklich stabil aus, schwerer bin ich auch geworden, von der Gelenkigkeit mal ganz abgesehen. Und – es ist verdammt hoch. Der Weg nach unten ist weit, und da liegt keine Schaumgummimatte auf dem Boden. Es gibt kein Kletterseil. Nein. Früher, ja, da war das etwas ganz anderes!
Und so stand ich unter dem Baum und sah nach oben und hatte eine seltsame Gefühlsmischung in mir, ein bißchen Staunen über dieses Kind, eine kleine Prise Angst, etwas Neid und ein bißchen Sentimentalität wegen vergangener Zeiten. Und einen großen Haufen Glück, weil ich genau zum richtigen Zeitpunkt dort unter den Bäumen war, wo ich all das sehen konnte.
Und wenn, ja, wenn da nicht noch mehr Erwachsene gewesen wären, dann hätte ich es doch versucht… nur noch einmal. Kindsein ist vielleicht doch keine Frage des Alters. Oder?

Fragen

An diesem Wochenende saß ich ziemlich lange auf meinem Balkon und habe in den Himmel geguckt. Da gab es graue, schwere Wolken, kleine weiße, ganz leichte schleierartige, gelb und blau gefärbte… und dazwischen immer wieder die Düsenjets der Natur, Schwalben. Jede Menge davon. Andere Vögel sind natürlich auch durchs Bild geflogen, aber die sind eher langweilig – schnurgerade von A nach B, null Umweg, während die Schwalben rauf und runter, im Zickzack und Looping um Bäume und Hausecken flitzen, niemals irgendwo gegen prallen und dabei noch elegant aussehen.
Als ich also so dasaß, mit einem kühlen Getränk in der Hand und Vogelgezwitschere im Ohr, kam von ganz unten ein kleiner Gedanke gequollen, eine Frage, und weil ich gerade nichts zu tun hatte, habe ich ein kleines Frage-Antwort-Spiel mit mir selber gespielt:
Wo ist hier eigentlich Gott?
Viele Leute sagen doch sinngemäß solche Dinge: Gott ist überall, er ist in allen Dingen, vor allem in der Natur. Ist er also in den Wolken? Oder über den Wolken? Eher nicht. Flugzeuge mit Kondensstreifen nehmen diesem Gedanken irgendwie den Reiz. Oder ist er in den Schwalben? In den Blumen auf dem Balkon? Zugegeben, sie sind wirklich hübsch und bei näherer Betrachtung ein kleines Wunder usw. usf., aber göttlich? Nein. Ist er im Wind? In der Sommerluft? Vielleicht, aber in dem Moment, wo es anfängt nach Benzin oder Abgasen zu riechen, verflüchtigt sich diese Annahme sehr schnell. Ist er vielleicht in mir? Nein, auf keinen Fall, ich kenne mich sehr gut, ich bin höchst menschlich – da gibt´s nicht mal einen Schimmer von göttlichem Glanz, höchstens glänzt da mal wieder ein Sonnenbrand irgendwo.
Tja. Wo ist er dann? Meine eigene bescheidene Annahme: Wir Menschen sehen vieles und wissen vieles und sind dabei umgeben von unserer Welt. Wir leben zwischen Schwalben und Blumen und Autos, atmen Luft und Wind, fühlen die Schwerkraft, sehen die Sonne und wissen, es gibt ein All. Alle unsere Sinne sind auf diese Welt ausgerichtet. Wer sagt, dass es nicht mehr gibt? Ist Rot immer Rot? Insekten sehen Farben anders als wir, die Welt der Hunde ist schwarzweiß. Wir können nicht anders, wir leben hier, in unserer Welt. Gott nicht. Gott kann anders. Wenn wir ihn nicht dahaben wollen, ist das kein Problem, aber er ist da – nur einen Atemzug entfernt und unfassbar anders als wir.
Und wo ist er nun? Mit meinem leeren Glas in der Hand wußte ich es ungefähr 10 Sekungen lang – genau hier und jetzt ist er da. Weil ich ihn gebeten habe, da zu sein. Und dann bin ich schlafen gegangen.

Ostereier

Zu Ostern habe ich eine Packung Wachteleier gekauft. Sie lief mir völlig unerwartet im Supermarkt über den Weg, als ich eigentlich ganz normale Eier kaufen wollte. 18 kleine, gefleckte Eierchen in einer hässlichen Klarsichtverpackung, mit gaaanz vielen Vitaminen und Spurenelementen laut Papieraufkleber.
Zuhause habe ich dann eins der kleinen Dingelchen herausgenommen und war entzückt: So klein und so perfekt, mit hübschen dunkelbraunen Flecken auf cremeweißen Grund, jedes unterschiedlich zum anderen. Perfekt für die Osterdeko. Drei Stück habe ich vorsichtig ausgeblasen (das funktioniert viel besser als bei den großen) und zum Trocknen gelegt.
Und dann stand ich einfach eine Minute lang da, ein Ei in der Hand, und hab so vor mich hin gestaunt… soviele Unterschiede bei fast derselben Funktion, ein Ei ist ein Ei ist ein Ei… weiße, braune, gefleckte, grüne, blaue, winzig klein oder Straußenei, und soviele verschiedene Tiere, die darin wachsen. Und ganz nebenbei können wir sie auch noch essen, wenn wir sie den Eierlegern schnell genug stibitzen – was wäre schon ein Sonntagsfrühstück ohne Sonntagsei?
Das hätte Er auch anders haben können – einheitlich schmuddelbraun, so eine Tarnung hätte es bestimmt auch getan, aber nein, es mussten gleich wieder alle möglichen Variationen und Farbkombinationen sein…
Die modernen Designer denken, sie hätten die Formel „Form folgt der Funktion“ erfunden. Lächerlich! Das beste Design gab es schon lange vor ihnen, und die Marke ist eindeutig, erfolgreich und immer erkennbar: „Made by God“.

Rosa

Der Weg zu meiner Arbeit ist genau festgelegt. Jeden Morgen gehe ich den Weg, der einerseits der schönste und ruhigste, andererseits fast der schnellste ist. Um die Ecke an der Buchenhecke vorbei, unter den Linden im Schatten entlang, dann auf rotem Pflaster im Sonnenschein zur Fußgängerampel.
Aber für zwei Wochen im Jahr ändere ich diese morgendliche Route und nehme einen kleinen Umweg in Kauf, und wenn die Sonne scheint, tue ich das abends noch einmal. Denn an diesem etwas längeren Weg steht ein Baum, der die meiste Zeit des Jahres unscheinbar und völlig normal aussieht, ja, wenn ich ehrlich bin, sogar schon etwas schäbig und alt. Aber in diesen zwei Wochen verändert er sich von Grund auf und zieht mich magisch an – denn er blüht.
Und bei diesem knorrigen Baum ist das nicht ein einfaches Knospenentfalten, nein, dieser Baum quillt über und über von rosa Blütentrauben, die Äste hängen nach unten und tragen schwer an der Last, es ist ein rosanes Meer von samtigen Blättern, durch das in der Morgensonne der knallblaue Himmel blitzt. Wenn eine leichte Brise geht, bewegen die Äste sich ein wenig, und wenn ich darunter entlanggehe und Glück habe, fallen leichte Blütenblätter wie ein zarter Gruß auf mich hinab. Manchmal weht der Wind stärker, und der rosa Regen begleitet mich noch ein Stück die Straße hinab und spielt Fangen mit meinen Beinen.
Das ist oft der Moment, in dem ich eins bin mit mir und dem Morgen im Allgemeinen. Ja, es gibt viel Schlimmes auf der Welt, aber dieser eine glückliche Moment, der gehört mir und er ist auch für mich gedacht – es kommt darauf an, ob ich ihn sehe oder nicht. Ich könnte ja auch anders herum gehen, an der Buchenhecke entlang. Aber ich tue es nicht. Denn diese Tage im Jahr sind rosa und Gott lächelt mitten in den hellen Blüten.

Jaaa, das sind keine Kirschblüten, aber wunderbar rosa sind sie auch. 🙂

Selma Selbstmitleid greift an

Es ist wieder passiert: Ich wurde hinterrücks von einem altbekannten und mit allen Wassern gewaschenen, hinterhältigen Feind angegriffen – Selma Selbstmitleid hat wieder zugeschlagen.
Sie arbeitet mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, sie ist erfinderisch bis zum Exzess und Meisterin der Verkleidung. Sie kommt daher als gerechte Empörung, übersteigerte Empfindlichkeit; sie schraubt vorhandene Sensibilitäten so lange in die Höhe bis jegliche äußere Einflüsse nahtlos zu ihr fließen und sie sie zu ihrem Nutzen umformen kann.
Sie nährt sich von unausgesprochenen Gedanken, nicht vollendeten Gesprächen, falschverstandenen Situationen; alle Arten von nicht geschlichtetem Streit liebt sie über die Maßen: Wut und nicht abgeleitete Emotionen lassen sie aufquellen wie einen nassen, gelben Schwamm.
Demjenigen, der sich fallen läßt, verspricht sie ein bequemes, weiches Lager, man kann sich in ihr suhlen wie in einer tiefen, warmen Schlammpfütze. Wenn du sie lässt, umschließt sie dich vollständig und lückenlos, bis niemand mehr an dich und an sie herankommt – ihr zwei seid euch selber genug, ihr Ziel ist erreicht, sie hat dich.
Was man auch tut, sie ist immer im Hintergrund und wartet. Sie hat Zeit – viel Zeit, und Gelegenheiten gibt es viele. Aber wenn man weiß, daß sie wartet, kann man sich wehren und ihr den Zutritt verweigern, sie klein halten. Ob man sie ganz vertreiben kann? Keine Ahnung. Sie ist ein genialer Gegner. Vielleicht gibt es da draußen ja tatsächlich Menschen, die sie nicht kennen. Vielleicht haben sie sie aber auch bloß noch nicht erkannt.

Gartengeschenke

Am Wochenende war ich bei meinen Eltern. Sie haben einen großen Garten, den beide mit viel Liebe hegen und pflegen. Mein Vater macht jeden Tag mindestens zwei Kontrollgänge und guckt nach, was sich in den letzten Stunden alles verändert hat, und da gibt es immer etwas. Er weiß, wann sich welche Blüte entfaltet hat, wie die Rosen sich dieses Jahr entwickeln, um wieviel cm die Bohnen seit gestern gewachsen sind.
Er weiß auch genau, wo die Kohlmeisen-, Amsel- und Zaunkönignester sind. Er hat für seine kleinen wilden Haustiere (wie er sie nennt) mindestens fünf Luxuswohnungen gebaut – alle sind besetzt. Dieses Jahr hat sich sogar eine Nachtigall eingefunden – sie hat aber dann doch ein selbstgebautes Eigenheim vorgezogen. Er weiß auch, wo die Schnecken und Ameisen und Mäuse wohnen – was in der Regel kein Happy End für sie bedeutet.
Meine Mutter ist die Herrscherin über eine Armada von Kübel- und Topfpflanzen in allen nur möglichen Farben, die auch an allen nur möglichen Orten stehen oder hängen. Wenn die Pflanzen ausgeblüht haben, sammelt sie die Samen von besonders schönen Exemplaren und zieht im darauffolgenden Jahr neue Setzlinge daraus. Man weiß nie, was daraus entsteht, denn viele veredelte Pflanzen entwickeln sich in nur einer Generation zu ihren Ursprüngen zurück oder haben plötzlich ganz andere Farben.
Alles in allem ist der Garten meiner Eltern ein kleines Paradies. Es wächst und grünt unter den allerbesten Bedingungen, jede Pflanze wird genauso behandelt, wie sie es benötigt und entwickelt sich in den meisten Fällen prächtig.
Natürlich gibt es aber auch bei ihnen Pflanzen, die einfach nicht wollen. Sie düngen und giessen, verändern den Standort, mehr Licht, weniger Regen von oben – und trotzdem kümmern diese Blumen vor sich hin, kränkeln und gehen meist irgendwann ein. Da kann man nichts machen.
Die Samen, von denen ich vorhin berichtet habe, pflanzt meine Mutter jedes Jahr ein, und es werden immer so viele Pflanzen, dass sie nicht mehr weiß, wohin damit. Gestern hatte ich einen Gedankenblitz! Warum nicht das, was hier zuviel ist, dorthin bringen, wo es zuwenig davon gibt?
Also habe ich jede Menge Setzlinge mitgenommen und an meine Nachbarn verteilt. Unser Garten ist eine Ansammlung von Löwenzahn, Gänseblümchen und kahlen Stellen, denn gekaufte Blumen kosten Geld und das ist Mangelware bei uns im Haus. Ich glaube nicht, dass meine Nachbarn sich vorher schon mal so gefreut haben, wenn sie mich gesehen haben. Mit den Pflänzchen ging die Sonne auf, und ich glaube, ich kann mich dieses Jahr an jeder Menge gelber und orangener Studentenblumen in unserem Garten freuen.
Hier gibt es zuviel, da zuwenig – eigentlich ist es ganz einfach, und schon kommt Farbe in den Alltag. Aber ich habe vier Jahre gebraucht, bis ich auf diese Idee gekommen bin und mich getraut habe, einfach mal zu klingeln und zu fragen, ob jemand etwas haben möchte. Vier Jahre! Meine Güte. Ich hoffe wirklich, Gottes Zeitrechnung ist eine andere als unsere, denn wenn er auf uns warten müßte, wäre die Erde heute wahrscheinlich noch nicht fertig.

Aus und vorbei

Aus und vorbei
ich habe Schluß gemacht
ich glaube nicht mehr
an Tageslese und Morgenstille
an Gottesdienst und Glockenläuten
an Abendmahl mit Papp-Oblaten
Ich glaube nicht mehr
an gefällige Gesellschaftsgebete
an gefaltete Hände unter gesenkten Köpfen
an leere Kirchen und Gebetsbücher mit Eselsohren
Ich glaube nicht mehr
an bunte Blätter die mir Leben versprechen
an Bücher die wissen wie mein Tag aussehen soll
an Lieder deren Inhalt ich nicht verstehe
Lieber Gott
mein Nichtwissen
meine Ratlosigkeit
meine Verlorenheit
meine halbfertigen Sätze und abgebrochenen Worte
die ich so gut kenne
an die glaube ich
Nichts kann ich mir mehr vormachen
nichts mehr zwischen uns schieben
wenn du nicht in jedem Seufzer
in jedem meiner Atemzüge bist
bist du nicht
Lieber Gott
an dich glaube ich mehr denn je

Chaos

Es gibt so Tage, an denen verliert man irgendwie den Überblick. An diesem Wochenende hatte ich so einen Moment, da saß ich an meinem Schreibtisch und wußte plötzlich nicht mehr, in welchem Papierhaufen was liegt. Dabei mache ich immer schon einzelne Mappen für die verschiedenen Sachen, die anstehen – allerdings müßte man dann die neuen Blätter, die unweigerlich dazukommen, auch in die Mappen einsortieren… tja.
Dann habe ich unklugerweise erstmal mails abgerufen, normalerweise immer ein wunderbares Mittel, um mich noch ein paar Minuten vor den drängelnden to-do-Listen drücken zu können. Naja. In den mails diesmal lauter freudestrahlende Menschen, die mir erzählen, was sie alles schon getan haben und noch tun werden und wo denn mein Teil bliebe? Ob ich da und da dran denken würde? Und wann wollen wir uns das nächstmal zum Vorbereiten treffen? Argh… und ich weiß noch nicht mal, wo die halbfertigen Entwürfe dafür rumliegen…
Es gibt auch Tage, da weiß man, man müßte eigentlich noch drei Menschen endlich zurückrufen, und weitere zwei hatten Geburtstag, die Eltern erkennen einen schon nicht mehr, wenn man vor der Tür steht. Theoretisch wollte man noch einige Postkarten verschicken, und die Zusagefrist für eine Hochzeit ist schon abgelaufen – man hätte nur mal das Antwortschreiben ausfüllen und absenden müssen.
Und die Wohnung ist ein Schlachtfeld. Keine Socken mehr, im Biomüll entwickeln sich langsam neue Lebensformen, im Kühlschrank liegt eine einsame Tomate und die Balkonpflanzen welken vor sich hin. Wenn du sie dann endlich gießt, sehen sie dich vorwurfsvoll an und drehen ihre Köpfe weg. Meistens klingelt in diesem Moment das Telefon und ein netter Mensch fragt dich, ob du Lust hast, schwimmen zu gehen… oder fahrrad zu fahren…
Wie gesagt, es gibt Tage, da verliert man den Überblick – aber wunderbarerweise macht das nichts. Gar nichts! Denn mein Chaos ist bunt und sprüht vor Leben! Es spornt mich an und macht mir Feuer unter meinen vier Buchstaben, die sonst mit Sicherheit viel zu oft vorm Fernseher säßen. Es öffnet meine Augen für Dinge, die ich anders nicht sehen würde, und es macht mich weichherzig gegenüber Menschen, die auch nicht alles auf die Reihe kriegen. Chaos ist schön. Wie war das noch? Aus dem Chaos erschuf Gott die Welt – mal sehen, was ich daraus machen kann.

keine frage

sanft trudeln die worte in meinem bauch herum
pieksen hier drücken da
wellen der schmermut durchströmen mich warm
treiben mir das wasser in stirn und augen
bin zu klein für all das große in mir
fühle mich ausgebeult von emotionen
hasse all die leute um mich herum
mit ihren belanglosigkeiten
bin allein zurückgelassen worden
die einsamkeit ist grenzenlos
treibe allein im all
losgelöst von allem
was hält und liebt
bin nutz und hilflos
möchte mich in mir verkriechen
niemand kann mich finden
niemand sucht mich
ich möchte eine warme hand an meiner wange spüren
mich ankuscheln
den herzschlag hören
so bleiben eine ewigkeit lang
ich brauche einen gott und menschen zum leben
ob ich will oder nicht ist keine frage
meine existenz hängt daran

Frühlingseinkauf

Frühlingseinkauf
 
Am Samstag war ich im Gartencenter. Eigentlich wollte ich nur zwei oder drei kleinere Dinge für ein Geburtstagsgeschenk suchen, aber das Center hat mich hinterrücks überrumpelt. Hinein ging ich nur mit meiner Geldbörse und guter Dinge, heraus kam ich mit einem Einkaufswagen, in dem sich:
 
a)     ein großer Metallkasten
b)     4 kleine Tontöpfe
c)     ein großer Topf Lavendel
d)     zwei Säcke Blumenerde
e)     6 Packungen Kräutersamen
f)      1 Zehnerpack Männertreu
g)     1 Miniwacholder
h)     1 undefinierbares, aber hübsches Gewächs von 5cm Größe und
i)      1 Blumentopfuntersatz
 
befanden. Wie konnte das passieren? Ich weiß es nicht. Vielleicht war die feuchte Gewächshausluft schuld, oder die Gene von Generationen von Ackerbauern haben rebelliert… ich weiß nur, irgendwann war egal, ob da nun noch Petersilie zum Lavendel dazukommt oder nicht. 
Später, als dann alles hübsch auf meinem Balkon verteilt, gepflanzt und ausgesät war, habe ich mich dabei ertappt, daß ich vor den Kästen mit Erde stand und mir besorgt überlegt habe, ob die Kleinen es wohl auch warm und feucht genug haben, und ab wann man wohl was sehen kann… und ob sie es überhaupt schaffen, groß und stark zu werden… und ob ich den richtigen Dünger genommen habe… 
So im Nachhinein stelle ich fest: Das hat ein bißchen Ähnlichkeit mit Gemeinde. Da fragt man sich solche Sachen auch: Haben die Leute es warm genug? Ist das, was wir tun, der richtige Weg für alle? Steht niemand auf dem Trockenen? Wie auch immer. Heute morgen habe ich mich unauffällig zur Balkontür geschlichen und nur einen ganz kurzen Blick rausgeworfen. Man weiß ja nie, Bodenfrost und so… vielleicht sollte ich doch noch den Heizstrahler rausstellen…