Sackgasse

„Hilfe!“ schreist du und starrst auf die Wand vor dir.
„Ja, bitte?“
Überrascht guckst du den kleinen, grauen Mann mit Klemmbrett an, der plötzlich neben dir steht. Du guckst nach links und nach rechts und dann wieder auf den Mann. Gerade war er doch noch nicht da?
„Wer sind Sie?“ fragst du vorsichtig. Der kleine, graue Mann ruckelt an seinem Kneifer und klemmt das Klemmbrett fester unter den Arm.
„Gestatten, ich bin Nr. 243. Ich bin Ihnen heute als Engel zugeteilt.“
Zweifelnd guckst du den kleinen Mann an. Ein Engel? Mit Nummer?! Aber eigentlich ist es dir egal, du bist froh, dass du nicht mehr alleine vor dieser Wand stehst. Du beschliesst, nicht nachzufragen. „Sehen Sie das?“ Anklagend zeigst du auf die Wand vor dir. „Was soll das?“
„Ja, nun,“ antwortet der kleine Mann und ruckelt wieder an seinem Kneifer, während er sich umsieht, „das scheint mir eine Sackgasse zu sein.“
„Ach, wirklich.“ Du legst einen ganzen Haufen Sarkasmus in die zwei Worte. Du stehst hier schließlich schon ziemlich lange und hast keine Ahnung, wie es weitergeht. „Und jetzt? Was soll ich machen? Wie komme ich hier weg?“
„Moment.“ Der kleine, graue Mann zückt sein Klemmbrett, zieht ein Papier heraus und klemmt es sorgsam fest. Dann zieht er einen Stift aus seiner Hemdtasche. Für Sarkasmus scheint er nicht empfänglich zu sein.
„Also, Punkt 1: Zuerst sollten wir klären, wie Sie in diese Lage geraten sind.“ Fragend sieht er dich an.
„Keine Ahnung!“ Du bist unwillig. Du willst so schnell wie möglich weg – wozu diese Fragerei? „Ich bin halt immer weitergegangen, der Weg sah richtig aus und ich dachte ja auch, ich wüsste, wo es langgeht.“
Nr. 243 nickt und hakt etwas ab. „Haben Sie mal jemanden nach dem Weg gefragt?“
„Mmm… nein. Ich bin immer der Nase nach. So, wie ich es mir vorgestellt habe.“
Nr. 243 nickt wieder und hakt erneut etwas auf seinem Klemmbrett ab. „Und nun? Wie wollen Sie jetzt weiterverfahren?“
Entrüstet blickst du den grauen Mann an. „Wie jetzt? Das müssten Sie mir doch sagen – Sie sind doch der Engel!“
Nr. 243 seufzt und steckt den Stift in die Tasche seines grauen Hemdes zurück. „Das stimmt. Aber sehen Sie, so läuft das bei uns nicht. Wir leisten eher Hilfe zur Selbsthilfe, wissen Sie?“
„Was soll das denn jetzt heißen?“ Wütend blickst du ihn an. Nicht einmal Engel halten heutzutage mehr das, was sie versprechen!
Nr. 243 grinst und auf einmal scheint er nicht mehr ganz so grau zu sein. „Das heißt, ich werde Sie nicht auf die Schultern nehmen und mit Ihnen in den Sonnenuntergang fliegen. Keine Flügel, sehen Sie?“ Stimmt. Das ist dir auch schon aufgefallen.
„In der Regel haben Sie in solchen Situationen immer ein paar Möglichkeiten. Normalerweise brauchen Sie uns gar nicht. Wir tauchen nur im absoluten Notfall auf, wenn jemand sich komplett verrennt. So wie jetzt.“ Er nimmt seinen Kneifer ab und poliert ihn gründlich mit einem Zipfel seines grauen Hemdes, während du versuchst, dich zu sortieren.
„Ich habe also Möglichkeiten.“
„Exakt.“
Zweifelnd blickt du an der unüberwindbaren Mauer empor. „Und – wie könnten die aussehen? Muß ich – beten?“ Unsicher guckst du Nr. 243 von der Seite an.
„Das könnte helfen, ja.“
Dir bricht der Schweiß aus. Beten? Jetzt? Vor einem Engel? Niemals. „Gibt es noch andere Möglichkeiten?“
Nr. 243 seufzt wieder. „Immer dasselbe. Na gut. Sie könnten sich einfach mal umdrehen.“
„Wozu das denn? Da bin ich doch hergekommen!“
„Nun, wenn Sie sich umdrehen würden, ändert das zum einen Ihre Perspektive. Zum anderen könnten Sie sehen, das es hinter Ihnen links und rechts Abzweigungen gibt. Unter dem Baum, den Sie ja jetzt nicht sehen, sitzt jemand, den könnten Sie nach dem Weg fragen. Und dort im Eingang steht eine Leiter, mit der Sie über die Mauer gucken könnten.“ Nr. 243 verstummt, nimmt seinen Stift aus der Hemdtasche und malt sorgfältige Buchstaben auf sein Klemmbrett.
Du starrst die Wand an.
Stille.
„So, dann. Hat mich gefreut,“ sagt Nr. 243 in dein Schweigen hinein. „Vielleicht sieht man sich ja mal irgendwann.“ Wieder grinst er und wieder scheint sich das Grau für einen Moment aufzuhellen.
„Danke“, murmelst du und willst ihm die Hand reichen, aber er ist schon nicht mehr da. Du starrst wieder die Wand an.
„Sackgasse“, flüsterst du und starrst an den Steinen empor. Und dann drehst du den Kopf ganz vorsichtig nach links.

Wir müssen reden

„Wir müssen reden“, sagst du.
„Nur zu“, sagt Gott freundlich.
„Ich bin irgendwie müde“, sagst du, und fühlst dich auch so.
„Hm-hm“, macht Gott.
„Es lief nicht so rund in letzter Zeit. Die Dinge kamen aus dem Gleichgewicht, und das fühlt sich nicht gut an.“ Du stockst. Darf man so etwas sagen?
Gott schaut dich an. „Weiter“, sagt er.
„Ich dachte“, sagst du, „dass es immer so weitergehen würde. Du weißt schon, immer etwas zu tun, immer Begeisterung, vielleicht nicht für alles, aber wenigstens für einen Teil von allem. Aber jetzt… jetzt fühlt es sich an wie Stillstand. Nichts geht mehr!“ Du klingst ein bisschen verzweifelt, als du das sagst.
Gott sieht nachdenklich aus. Er schweigt.
„Was soll ich denn jetzt machen?“ fragst du ungeduldig, weil er nicht sofort antwortet. Irgendwie hattest du dir das Gespräch anders vorgestellt.
„Was möchtest du denn machen?“ fragt er dann.
„Keine Ahnung. Das ist ja das Problem! Kannst du mir nicht sagen, was ich machen soll?“ Du kannst es nicht ändern: Deine Stimme klingt vorwurfsvoll.
Gott kratzt sich am Kinn und guckt in die Luft. „Nun“, sagt er, „eine Idee hätte ich.“
„Ja?“ Erwartungsvoll reckst du den Hals.
„Wir könnten einen Tee zusammen trinken. Du erzählst mir alles ganz genau, und danach gehen wir Wolken gucken. Sie fliegen heute sehr schön. Und dann sehen wir weiter.“
Puh. Du lässt den Kopf sinken. Das ist nicht gerade das, was du erhofft hattest. Andererseits: So furchtbar viel zu tun hast du im Moment ja sowieso nicht, oder?
„Meinetwegen“, willigst du ein. „Hast du Darjeeling? Mit Milch?“
„Kein Problem“, sagt Gott und lächelt.

Künstler

Ich betrachte mein Bild und bin unzufrieden. Die Farben sind ganz ok. Aber sonst? Ich gucke die Originale an. Sie sind perfekt. Ich stütze mein Kinn in die Hand und schiele zu Gott rüber. „Und? Gefällt´s dir?“ frage ich.
„Sehr gut.“ Er nimmt mein Bild in die Hand. „Man sieht sofort, dass es ein Birkenblatt ist. Die Adern hast du gut hingekriegt. Und es leuchtet.“ Er lächelt.
Ich bin skeptisch. Die Originale liegen überall neben uns herum oder fallen gerade vom Baum. Jedes einzelne ist besser als meins. „Hm“, sage ich.
„Doch! Ich hab gesehen, wie viel Zeit und Überlegung du hineingesteckt hast! Es ist doch für mich, oder?“ Er klingt hoffnungsvoll.
„Wenn du es wirklich haben willst“, sage ich, „du hast doch jede Menge besserer Blätter hier.“
Gott piekst mit seinem Zeigefinger auf mein Blatt. „Es kommt nicht immer auf Perfektion an“, sagt er, „manchmal ist es wichtiger, warum du es tust, oder für wen.“
„Na dann“, sage ich, „bitteschön. Ein Geschenk von mir für dich.“ Dann füge ich noch hinzu: „Du kannst ganz schön einschüchternd sein, weißt du das?“
Ein perfektes, gelbes Blatt landet auf seiner Schulter. Er wischt es weg und nimmt meine Zeichnung in die Hand. „Ich weiß“, sagt er und fährt mit dem Finger die Umrisse entlang.
Ich bin ein bisschen stolz. Doch, das Gelb habe ich ganz gut hinbekommen.

Einwecken

Es gibt so Zeiten im Leben, da ist man auf einmal völlig grundlos glücklich. Es gibt keinen Grund, keinen Anlaß, große erhellende Einsichten bleiben aus und auch das Wetter ist eher durchschnittlich. Und trotzdem! Man sitzt da, sieht den Regentropfen an der Fensterscheibe zu und ist zufrieden, ja, völlig unsinnigerweise sogar glücklich. Warum?
Eigentlich egal, dieser Zustand ist selten und deswegen zu hüten wie ein reifer Pfirsich, der auch so ziemlich alles übel nimmt. Ab und zu dauert dieser Zustand auch noch an – mehrere Tage oder vielleicht sogar mehrere Wochen. Dann hat man so ein weiches, ausgefülltes Gefühl in Kopf und Bauch, und man ertappt sich dabei, dass man lächelnd durch die Stadt läuft.
Leider geht das immer vorüber, und der übliche Alltag setzt wieder ein. Das ist nicht weiter schlimm, nur normal, aber es wäre doch schön, wenn man sich über die normale Erinnerung hinaus ab und an eine Portion reale, anfaßbare Erinnerung gönnen könnte – nur so, als kleine Überbrückungshilfe, wenn es mal wieder besonders alltäglich geworden ist. Man müßte dieses weiche, ausgefüllte Gefühl irgendwie aufbewahren können. In Einmachgläsern zum Beispiel. Ja! Da stünden dann nebeneinander:

Zufriedenheit & 2 Minuten Gelächter, eingeweckt am 03.02.
Oboenspieler gelauscht & 2 Euro gegeben, eingeweckt am 17.04.
Passanten angelächelt & Katze gestreichelt, eingeweckt am 23.07.
Schneeflocken auf der Nase & Schneestille, eingeweckt am 13.01.

Und so weiter. Und wenn man dann an einem grauen Morgen das dringende Bedürfnis verspürt, das Alltägliche etwas aufzupeppen, nimmt man eines der Gläser, öffnet es und atmet tief-seeeehr tief ein. Ehrlich, ich finde die gar nicht so schlecht, die Idee…

Balance

Es ist doch komisch. Da hegt und pflegt man sich, gönnt sich Ruhe und einen schönen langen Spaziergang, und das auch noch bewusst und ganz und gar gewollt. Alles, um sich zu entspannen, um zur Ruhe zu kommen und den Stress des Alltags abzuschütteln.
Alles wunderbar. Muß ja auch mal sein, wirklich.
Aber wieso muß ich dann so verdammt lange überlegen, wenn mich jemand fragt, was ich am letzten Wochenende gemacht habe? Warum muß ich erstmal zwei Minuten in mich gehen, um mir dann eine vage, nebelverhangene Auskunft über fernsehen/lesen/erholen abringen zu können?
Hatte man im Gegensatz dazu ein vollgestopftes, anstrengendes Wochenende, weiß man genau, was wann war, und kann ohne jegliche Probleme für ein Viertelstündchen zum Alleinunterhalter werden. Und irgendwie scheint dieses Wochenende auch länger gewesen zu sein. Im Nachhinein, natürlich. Während man drin war, floss es wie Wasser durch die Finger.
Sind also die entspannten Tage die langweiligen? Und die anstrengenden die spannenden? Ja! Und nein. Irgendwie muß es möglich sein, die Balance zwischen diesen beiden Polen zu finden. Nur Entspannung wird in der Tat irgendwann langweilig. Wenn nichts mehr passiert, verliert das Leben doch beträchtlich an Würze. Aber zuviel an Würze bringt die Geschmacksnerven um – immer nur Chili? Man stelle sich das vor, morgens, mittags, abends…
Balance – das ist es…

Abschied im Guten

Dieses Wochenende ist jemand aus unserer Gemeinde gestorben. Ich finde, sie war eine außergewöhnliche Frau, und obwohl ich nie ein längeres Gespräch mit ihr geführt habe und auch keine nähere Beziehung zu ihr hatte, beschäftigt mich ihr Tod.
Sie war einer dieser Menschen, die Helligkeit um sich verbreitet haben. Man hat ihr gerne zugehört und sich gefreut, wenn sie einen begrüßt hat – und sie hat immer alle begrüßt. Jung war sie nicht mehr, 75 Jahre ist sie alt geworden, aber ihr Kopf war im Heute zuhause und ihr Herz war immer weit und sehr warm.
Einmal war sie in unserem Jugendkreis eingeladen, um etwas aus ihrem Leben zu erzählen, und dieser Abend zählt zu denen, die man nicht so schnell vergisst. In vielen Gesprächen fiel ihr Name, sie war eine Authorität für Menschen jeden Alters, und sie ist und bleibt ein Vorbild. Wie schafft man es, älter zu werden und das zu akzeptieren, die Erkenntnisse und Erfahrungen des Älterwerdens anzunehmen, dabei aber trotzdem geistig jung zu bleiben und sich ein weites Herz zu bewahren? Ihr ist es gelungen.
Die Menschen, die mit ihr zu tun hatten, ihre Verwandten und Freunde könnten sicherlich sehr viel mehr erzählen als ich, aber selbst meine wenigen Erfahrungen mit ihr waren etwas besonderes. Es schmerzt, dass sie schon gehen mußte, wir werden sie schrecklich vermissen. Aber sie ist da, wo sie hinwollte – und wir hatten sie eine lange Zeit hier, sie hat uns bereichert und uns vieles beigebracht. Das zu wissen, ist tröstlich.

Gemeinde – einer für alle, alle für einen

Am Wochenende bin ich in die Ferien gefahren – mit 53 weiteren Menschen (das war übrigens vor Corona). Nein, es war keine Massenflucht oder ähnliches, nur ein kleiner Pfingsturlaub mit vielen netten Menschen. Da ich mit für das Programm verantwortlich war , bin ich früher gefahren, in einem Auto, das bis zum Rand vollgestopft war mit Tüten, Taschen, Eimern, Schalen, Kisten, Stoffen, Mappen, Rucksäcken, Hüten (ja, Hüte – Strohhüte, um genau zu sein )… es war warm und kuschelig im Auto… wie es eben so ist, wenn man vorbereitet und für alle Eventualitäten gerüstet sein will.
Am Abend vorher habe ich gepackt und eine laaange Liste abgehakt, um ja nichts zu vergessen. Der Berg vor der Haustür wurde immer größer und leider auch immer schwerer, aber zum Schluß hatte ich alles. Dachte ich jedenfalls. Als wir uns dann nämlich am Abfahrtsort getroffen haben, um alle unsere Sachen zusammenzuschmeissen, fiel mir auf, dass ich die Glasmurmeln für die Murmelbahn vergessen hatte. Naja, nicht so schlimm, jemand anderes hatte Murmeln dabei.
Auf dem Weg zu unserem Ferienort fragte mich eine der Mitreisenden, ob ich eigentlich an die Plastikbecher gedacht hätte. Arghh. Nein, hatte ich nicht. Und auch nicht an die Strohhalme, die dazugehören. Hektisches telefonieren war die Folge, und infolgedessen stellte ich fest, dass das Mobilfunknetz in weit abgelegenen Gegenden nicht wirklich die reine Freude ist.
Als wir dann ankamen und die Räume besichtigt haben, kamen wir an einem Klavier vorbei, und meine Knie wurden weich – die Liederbücher! Ich hatte vergessen, die Liederbücher einzupacken! Und nun war es auch zu spät, um noch jemanden anzurufen… ich sah mich schon mit meinem einem, einzigen Buch da stehen, und hinter mir ein riesiger Pulk von Menschen, die alle verzweifelt versuchen, die nächste Liedzeile zu erhaschen… aber ein paar Stunden später sah ich die Bücher in einem Raum liegen – jemand anderes hatte daran gedacht.
Ist das nicht schön? Drei Dinge vergessen und trotzdem war zum Schluß alles da. Ich dachte, ich wäre allein verantwortlich – aber andere Menschen haben mitgedacht und waren hilfsbereit, und so war zum Schluß alles da. Genauso sollte Gemeinde sein – und nicht nur Gemeinde. Finde ich! Im Namen aller, die schon mal etwas vergessen haben.

Am Wochenende

Am Wochenende stand ich mit dem Kopf im Nacken unter einigen riesigen Kiefern und starrte nach oben. Da oben, ganz, ganz hoch oben, in der äußersten Spitze, kletterte ein Kind herum, traumwandlerisch sicher, völlig ohne Angst, ohne einen einzigen Fehlgriff oder Abrutscher.
Von unten sah ich ab und zu einen bunten Pulli zwischen wippenden Zweigen auftauchen, ein paar Kiefernnadeln und Rindenstückchen fielen in mein Gesicht, während das Kind mich von da oben herab fragte, warum ich nicht auch raufkäme? Das wäre ganz einfach, wirklich, und ich müßte gar keine Angst haben, und wenn ich nicht wüßte, wie es ginge, kein Problem, das könne man mir zeigen! Ein Fuß hierhin und die Hand nach da oben und dann den anderen Fuß auf den abgebrochenen Ast, siehst du, so, das ist ganz einfach, wirklich!
Naja, früher konnte ich das auch, ein Baum war mein zweites Zuhause, da habe ich gelesen und geträumt und mich gefreut, dass die Erwachsenen nicht raufkamen. Aber heute? Jetzt?? Auf diesen Baum? Er sieht nicht wirklich stabil aus, schwerer bin ich auch geworden, von der Gelenkigkeit mal ganz abgesehen. Und – es ist verdammt hoch. Der Weg nach unten ist weit, und da liegt keine Schaumgummimatte auf dem Boden. Es gibt kein Kletterseil. Nein. Früher, ja, da war das etwas ganz anderes!
Und so stand ich unter dem Baum und sah nach oben und hatte eine seltsame Gefühlsmischung in mir, ein bißchen Staunen über dieses Kind, eine kleine Prise Angst, etwas Neid und ein bißchen Sentimentalität wegen vergangener Zeiten. Und einen großen Haufen Glück, weil ich genau zum richtigen Zeitpunkt dort unter den Bäumen war, wo ich all das sehen konnte.
Und wenn, ja, wenn da nicht noch mehr Erwachsene gewesen wären, dann hätte ich es doch versucht… nur noch einmal. Kindsein ist vielleicht doch keine Frage des Alters. Oder?

Fragen

An diesem Wochenende saß ich ziemlich lange auf meinem Balkon und habe in den Himmel geguckt. Da gab es graue, schwere Wolken, kleine weiße, ganz leichte schleierartige, gelb und blau gefärbte… und dazwischen immer wieder die Düsenjets der Natur, Schwalben. Jede Menge davon. Andere Vögel sind natürlich auch durchs Bild geflogen, aber die sind eher langweilig – schnurgerade von A nach B, null Umweg, während die Schwalben rauf und runter, im Zickzack und Looping um Bäume und Hausecken flitzen, niemals irgendwo gegen prallen und dabei noch elegant aussehen.
Als ich also so dasaß, mit einem kühlen Getränk in der Hand und Vogelgezwitschere im Ohr, kam von ganz unten ein kleiner Gedanke gequollen, eine Frage, und weil ich gerade nichts zu tun hatte, habe ich ein kleines Frage-Antwort-Spiel mit mir selber gespielt:
Wo ist hier eigentlich Gott?
Viele Leute sagen doch sinngemäß solche Dinge: Gott ist überall, er ist in allen Dingen, vor allem in der Natur. Ist er also in den Wolken? Oder über den Wolken? Eher nicht. Flugzeuge mit Kondensstreifen nehmen diesem Gedanken irgendwie den Reiz. Oder ist er in den Schwalben? In den Blumen auf dem Balkon? Zugegeben, sie sind wirklich hübsch und bei näherer Betrachtung ein kleines Wunder usw. usf., aber göttlich? Nein. Ist er im Wind? In der Sommerluft? Vielleicht, aber in dem Moment, wo es anfängt nach Benzin oder Abgasen zu riechen, verflüchtigt sich diese Annahme sehr schnell. Ist er vielleicht in mir? Nein, auf keinen Fall, ich kenne mich sehr gut, ich bin höchst menschlich – da gibt´s nicht mal einen Schimmer von göttlichem Glanz, höchstens glänzt da mal wieder ein Sonnenbrand irgendwo.
Tja. Wo ist er dann? Meine eigene bescheidene Annahme: Wir Menschen sehen vieles und wissen vieles und sind dabei umgeben von unserer Welt. Wir leben zwischen Schwalben und Blumen und Autos, atmen Luft und Wind, fühlen die Schwerkraft, sehen die Sonne und wissen, es gibt ein All. Alle unsere Sinne sind auf diese Welt ausgerichtet. Wer sagt, dass es nicht mehr gibt? Ist Rot immer Rot? Insekten sehen Farben anders als wir, die Welt der Hunde ist schwarzweiß. Wir können nicht anders, wir leben hier, in unserer Welt. Gott nicht. Gott kann anders. Wenn wir ihn nicht dahaben wollen, ist das kein Problem, aber er ist da – nur einen Atemzug entfernt und unfassbar anders als wir.
Und wo ist er nun? Mit meinem leeren Glas in der Hand wußte ich es ungefähr 10 Sekungen lang – genau hier und jetzt ist er da. Weil ich ihn gebeten habe, da zu sein. Und dann bin ich schlafen gegangen.

Ostereier

Zu Ostern habe ich eine Packung Wachteleier gekauft. Sie lief mir völlig unerwartet im Supermarkt über den Weg, als ich eigentlich ganz normale Eier kaufen wollte. 18 kleine, gefleckte Eierchen in einer hässlichen Klarsichtverpackung, mit gaaanz vielen Vitaminen und Spurenelementen laut Papieraufkleber.
Zuhause habe ich dann eins der kleinen Dingelchen herausgenommen und war entzückt: So klein und so perfekt, mit hübschen dunkelbraunen Flecken auf cremeweißen Grund, jedes unterschiedlich zum anderen. Perfekt für die Osterdeko. Drei Stück habe ich vorsichtig ausgeblasen (das funktioniert viel besser als bei den großen) und zum Trocknen gelegt.
Und dann stand ich einfach eine Minute lang da, ein Ei in der Hand, und hab so vor mich hin gestaunt… soviele Unterschiede bei fast derselben Funktion, ein Ei ist ein Ei ist ein Ei… weiße, braune, gefleckte, grüne, blaue, winzig klein oder Straußenei, und soviele verschiedene Tiere, die darin wachsen. Und ganz nebenbei können wir sie auch noch essen, wenn wir sie den Eierlegern schnell genug stibitzen – was wäre schon ein Sonntagsfrühstück ohne Sonntagsei?
Das hätte Er auch anders haben können – einheitlich schmuddelbraun, so eine Tarnung hätte es bestimmt auch getan, aber nein, es mussten gleich wieder alle möglichen Variationen und Farbkombinationen sein…
Die modernen Designer denken, sie hätten die Formel „Form folgt der Funktion“ erfunden. Lächerlich! Das beste Design gab es schon lange vor ihnen, und die Marke ist eindeutig, erfolgreich und immer erkennbar: „Made by God“.