Berg und Tal

Berg und Tal

Ich bin außer Atem und schwitze. „Warum muss ich nochmal hier lang?“ frage ich und schnappe nach Luft.
Gott schweigt. Er trabt so leichtfüssig neben mir her, als wäre das hier ein Spaziergang.
„Keine Antwort, war ja klar“, japse ich und ärgere mich. Es geht seit Ewigkeiten bergauf und ich hasse wandern, vor allem bergauf.
„Du hattest die Wahl“, sagt Gott, „du hättest auch im Tal bleiben können.“
„Im Tal!“ Ich bleibe kurz stehen und schnappe nach Luft. „Das war keine Option, und das weißt du!“ Herausfordernd schaue ich Gott an.
Er zuckt mit den Achseln und betrachtet die Gegend. Es ist neblig. Viel Gegend ist nicht zu sehen.
„Im Tal war es dunkel! Und kalt.“ Ich schaudere. „Und langweilig war es auch“, füge ich hinzu.
„Tja“, sagt Gott.
„Aber es hätte bestimmt auch leichtere Wege als diesen hier gegeben. Nicht ganz so steil. Und mit weniger Geröll“, sage ich mit Blick auf die trostlosen Geröllfelder links und rechts.
„Hast du einen gesehen?“ fragt Gott.
„Nein“, gebe ich zu.
„Dann weiter“, sagt Gott.
Ich folge ihm widerwillig. Wir steigen bergauf. Es ist trüb hier oben, aber immerhin nicht ganz so finster wie im Tal. Manchmal verliere ich Gott trotzdem aus den Augen, aber ich höre seine leichten Schritte vor mir. Irgendwann wird es mir zuviel, ich bin müde. „Warte!“ rufe ich, „ich brauche eine Pause!“
„Nur noch ein kleines Stück“, höre ich ihn von weit vorne.
Ich stöhne und schnaufe und schwitze, aber ich gehe weiter. Hinter der nächsten Biegung muss er sein. Dann ist aber wirklich Schluß, denke ich, das reicht für heute, und passiere die Biegung. „Oh“, sage ich überrascht, und dann sage ich nichts mehr und gucke, überallhin.
„Tja“, sagt Gott. Er klingt sehr zufrieden mit sich.

Sackgasse

„Hilfe!“ schreist du und starrst auf die Wand vor dir.
„Ja, bitte?“
Überrascht guckst du den kleinen, grauen Mann mit Klemmbrett an, der plötzlich neben dir steht. Du guckst nach links und nach rechts und dann wieder auf den Mann. Gerade war er doch noch nicht da?
„Wer sind Sie?“ fragst du vorsichtig. Der kleine, graue Mann ruckelt an seinem Kneifer und klemmt das Klemmbrett fester unter den Arm.
„Gestatten, ich bin Nr. 243. Ich bin Ihnen heute als Engel zugeteilt.“
Zweifelnd guckst du den kleinen Mann an. Ein Engel? Mit Nummer?! Aber eigentlich ist es dir egal, du bist froh, dass du nicht mehr alleine vor dieser Wand stehst. Du beschliesst, nicht nachzufragen. „Sehen Sie das?“ Anklagend zeigst du auf die Wand vor dir. „Was soll das?“
„Ja, nun,“ antwortet der kleine Mann und ruckelt wieder an seinem Kneifer, während er sich umsieht, „das scheint mir eine Sackgasse zu sein.“
„Ach, wirklich.“ Du legst einen ganzen Haufen Sarkasmus in die zwei Worte. Du stehst hier schließlich schon ziemlich lange und hast keine Ahnung, wie es weitergeht. „Und jetzt? Was soll ich machen? Wie komme ich hier weg?“
„Moment.“ Der kleine, graue Mann zückt sein Klemmbrett, zieht ein Papier heraus und klemmt es sorgsam fest. Dann zieht er einen Stift aus seiner Hemdtasche. Für Sarkasmus scheint er nicht empfänglich zu sein.
„Also, Punkt 1: Zuerst sollten wir klären, wie Sie in diese Lage geraten sind.“ Fragend sieht er dich an.
„Keine Ahnung!“ Du bist unwillig. Du willst so schnell wie möglich weg – wozu diese Fragerei? „Ich bin halt immer weitergegangen, der Weg sah richtig aus und ich dachte ja auch, ich wüsste, wo es langgeht.“
Nr. 243 nickt und hakt etwas ab. „Haben Sie mal jemanden nach dem Weg gefragt?“
„Mmm… nein. Ich bin immer der Nase nach. So, wie ich es mir vorgestellt habe.“
Nr. 243 nickt wieder und hakt erneut etwas auf seinem Klemmbrett ab. „Und nun? Wie wollen Sie jetzt weiterverfahren?“
Entrüstet blickst du den grauen Mann an. „Wie jetzt? Das müssten Sie mir doch sagen – Sie sind doch der Engel!“
Nr. 243 seufzt und steckt den Stift in die Tasche seines grauen Hemdes zurück. „Das stimmt. Aber sehen Sie, so läuft das bei uns nicht. Wir leisten eher Hilfe zur Selbsthilfe, wissen Sie?“
„Was soll das denn jetzt heißen?“ Wütend blickst du ihn an. Nicht einmal Engel halten heutzutage mehr das, was sie versprechen!
Nr. 243 grinst und auf einmal scheint er nicht mehr ganz so grau zu sein. „Das heißt, ich werde Sie nicht auf die Schultern nehmen und mit Ihnen in den Sonnenuntergang fliegen. Keine Flügel, sehen Sie?“ Stimmt. Das ist dir auch schon aufgefallen.
„In der Regel haben Sie in solchen Situationen immer ein paar Möglichkeiten. Normalerweise brauchen Sie uns gar nicht. Wir tauchen nur im absoluten Notfall auf, wenn jemand sich komplett verrennt. So wie jetzt.“ Er nimmt seinen Kneifer ab und poliert ihn gründlich mit einem Zipfel seines grauen Hemdes, während du versuchst, dich zu sortieren.
„Ich habe also Möglichkeiten.“
„Exakt.“
Zweifelnd blickt du an der unüberwindbaren Mauer empor. „Und – wie könnten die aussehen? Muß ich – beten?“ Unsicher guckst du Nr. 243 von der Seite an.
„Das könnte helfen, ja.“
Dir bricht der Schweiß aus. Beten? Jetzt? Vor einem Engel? Niemals. „Gibt es noch andere Möglichkeiten?“
Nr. 243 seufzt wieder. „Immer dasselbe. Na gut. Sie könnten sich einfach mal umdrehen.“
„Wozu das denn? Da bin ich doch hergekommen!“
„Nun, wenn Sie sich umdrehen würden, ändert das zum einen Ihre Perspektive. Zum anderen könnten Sie sehen, das es hinter Ihnen links und rechts Abzweigungen gibt. Unter dem Baum, den Sie ja jetzt nicht sehen, sitzt jemand, den könnten Sie nach dem Weg fragen. Und dort im Eingang steht eine Leiter, mit der Sie über die Mauer gucken könnten.“ Nr. 243 verstummt, nimmt seinen Stift aus der Hemdtasche und malt sorgfältige Buchstaben auf sein Klemmbrett.
Du starrst die Wand an.
Stille.
„So, dann. Hat mich gefreut,“ sagt Nr. 243 in dein Schweigen hinein. „Vielleicht sieht man sich ja mal irgendwann.“ Wieder grinst er und wieder scheint sich das Grau für einen Moment aufzuhellen.
„Danke“, murmelst du und willst ihm die Hand reichen, aber er ist schon nicht mehr da. Du starrst wieder die Wand an.
„Sackgasse“, flüsterst du und starrst an den Steinen empor. Und dann drehst du den Kopf ganz vorsichtig nach links.

Wir müssen reden

„Wir müssen reden“, sagst du.
„Nur zu“, sagt Gott freundlich.
„Ich bin irgendwie müde“, sagst du, und fühlst dich auch so.
„Hm-hm“, macht Gott.
„Es lief nicht so rund in letzter Zeit. Die Dinge kamen aus dem Gleichgewicht, und das fühlt sich nicht gut an.“ Du stockst. Darf man so etwas sagen?
Gott schaut dich an. „Weiter“, sagt er.
„Ich dachte“, sagst du, „dass es immer so weitergehen würde. Du weißt schon, immer etwas zu tun, immer Begeisterung, vielleicht nicht für alles, aber wenigstens für einen Teil von allem. Aber jetzt… jetzt fühlt es sich an wie Stillstand. Nichts geht mehr!“ Du klingst ein bisschen verzweifelt, als du das sagst.
Gott sieht nachdenklich aus. Er schweigt.
„Was soll ich denn jetzt machen?“ fragst du ungeduldig, weil er nicht sofort antwortet. Irgendwie hattest du dir das Gespräch anders vorgestellt.
„Was möchtest du denn machen?“ fragt er dann.
„Keine Ahnung. Das ist ja das Problem! Kannst du mir nicht sagen, was ich machen soll?“ Du kannst es nicht ändern: Deine Stimme klingt vorwurfsvoll.
Gott kratzt sich am Kinn und guckt in die Luft. „Nun“, sagt er, „eine Idee hätte ich.“
„Ja?“ Erwartungsvoll reckst du den Hals.
„Wir könnten einen Tee zusammen trinken. Du erzählst mir alles ganz genau, und danach gehen wir Wolken gucken. Sie fliegen heute sehr schön. Und dann sehen wir weiter.“
Puh. Du lässt den Kopf sinken. Das ist nicht gerade das, was du erhofft hattest. Andererseits: So furchtbar viel zu tun hast du im Moment ja sowieso nicht, oder?
„Meinetwegen“, willigst du ein. „Hast du Darjeeling? Mit Milch?“
„Kein Problem“, sagt Gott und lächelt.

Künstler

Ich betrachte mein Bild und bin unzufrieden. Die Farben sind ganz ok. Aber sonst? Ich gucke die Originale an. Sie sind perfekt. Ich stütze mein Kinn in die Hand und schiele zu Gott rüber. „Und? Gefällt´s dir?“ frage ich.
„Sehr gut.“ Er nimmt mein Bild in die Hand. „Man sieht sofort, dass es ein Birkenblatt ist. Die Adern hast du gut hingekriegt. Und es leuchtet.“ Er lächelt.
Ich bin skeptisch. Die Originale liegen überall neben uns herum oder fallen gerade vom Baum. Jedes einzelne ist besser als meins. „Hm“, sage ich.
„Doch! Ich hab gesehen, wie viel Zeit und Überlegung du hineingesteckt hast! Es ist doch für mich, oder?“ Er klingt hoffnungsvoll.
„Wenn du es wirklich haben willst“, sage ich, „du hast doch jede Menge besserer Blätter hier.“
Gott piekst mit seinem Zeigefinger auf mein Blatt. „Es kommt nicht immer auf Perfektion an“, sagt er, „manchmal ist es wichtiger, warum du es tust, oder für wen.“
„Na dann“, sage ich, „bitteschön. Ein Geschenk von mir für dich.“ Dann füge ich noch hinzu: „Du kannst ganz schön einschüchternd sein, weißt du das?“
Ein perfektes, gelbes Blatt landet auf seiner Schulter. Er wischt es weg und nimmt meine Zeichnung in die Hand. „Ich weiß“, sagt er und fährt mit dem Finger die Umrisse entlang.
Ich bin ein bisschen stolz. Doch, das Gelb habe ich ganz gut hinbekommen.

Fragen

An diesem Wochenende saß ich ziemlich lange auf meinem Balkon und habe in den Himmel geguckt. Da gab es graue, schwere Wolken, kleine weiße, ganz leichte schleierartige, gelb und blau gefärbte… und dazwischen immer wieder die Düsenjets der Natur, Schwalben. Jede Menge davon. Andere Vögel sind natürlich auch durchs Bild geflogen, aber die sind eher langweilig – schnurgerade von A nach B, null Umweg, während die Schwalben rauf und runter, im Zickzack und Looping um Bäume und Hausecken flitzen, niemals irgendwo gegen prallen und dabei noch elegant aussehen.
Als ich also so dasaß, mit einem kühlen Getränk in der Hand und Vogelgezwitschere im Ohr, kam von ganz unten ein kleiner Gedanke gequollen, eine Frage, und weil ich gerade nichts zu tun hatte, habe ich ein kleines Frage-Antwort-Spiel mit mir selber gespielt:
Wo ist hier eigentlich Gott?
Viele Leute sagen doch sinngemäß solche Dinge: Gott ist überall, er ist in allen Dingen, vor allem in der Natur. Ist er also in den Wolken? Oder über den Wolken? Eher nicht. Flugzeuge mit Kondensstreifen nehmen diesem Gedanken irgendwie den Reiz. Oder ist er in den Schwalben? In den Blumen auf dem Balkon? Zugegeben, sie sind wirklich hübsch und bei näherer Betrachtung ein kleines Wunder usw. usf., aber göttlich? Nein. Ist er im Wind? In der Sommerluft? Vielleicht, aber in dem Moment, wo es anfängt nach Benzin oder Abgasen zu riechen, verflüchtigt sich diese Annahme sehr schnell. Ist er vielleicht in mir? Nein, auf keinen Fall, ich kenne mich sehr gut, ich bin höchst menschlich – da gibt´s nicht mal einen Schimmer von göttlichem Glanz, höchstens glänzt da mal wieder ein Sonnenbrand irgendwo.
Tja. Wo ist er dann? Meine eigene bescheidene Annahme: Wir Menschen sehen vieles und wissen vieles und sind dabei umgeben von unserer Welt. Wir leben zwischen Schwalben und Blumen und Autos, atmen Luft und Wind, fühlen die Schwerkraft, sehen die Sonne und wissen, es gibt ein All. Alle unsere Sinne sind auf diese Welt ausgerichtet. Wer sagt, dass es nicht mehr gibt? Ist Rot immer Rot? Insekten sehen Farben anders als wir, die Welt der Hunde ist schwarzweiß. Wir können nicht anders, wir leben hier, in unserer Welt. Gott nicht. Gott kann anders. Wenn wir ihn nicht dahaben wollen, ist das kein Problem, aber er ist da – nur einen Atemzug entfernt und unfassbar anders als wir.
Und wo ist er nun? Mit meinem leeren Glas in der Hand wußte ich es ungefähr 10 Sekungen lang – genau hier und jetzt ist er da. Weil ich ihn gebeten habe, da zu sein. Und dann bin ich schlafen gegangen.

Ostereier

Zu Ostern habe ich eine Packung Wachteleier gekauft. Sie lief mir völlig unerwartet im Supermarkt über den Weg, als ich eigentlich ganz normale Eier kaufen wollte. 18 kleine, gefleckte Eierchen in einer hässlichen Klarsichtverpackung, mit gaaanz vielen Vitaminen und Spurenelementen laut Papieraufkleber.
Zuhause habe ich dann eins der kleinen Dingelchen herausgenommen und war entzückt: So klein und so perfekt, mit hübschen dunkelbraunen Flecken auf cremeweißen Grund, jedes unterschiedlich zum anderen. Perfekt für die Osterdeko. Drei Stück habe ich vorsichtig ausgeblasen (das funktioniert viel besser als bei den großen) und zum Trocknen gelegt.
Und dann stand ich einfach eine Minute lang da, ein Ei in der Hand, und hab so vor mich hin gestaunt… soviele Unterschiede bei fast derselben Funktion, ein Ei ist ein Ei ist ein Ei… weiße, braune, gefleckte, grüne, blaue, winzig klein oder Straußenei, und soviele verschiedene Tiere, die darin wachsen. Und ganz nebenbei können wir sie auch noch essen, wenn wir sie den Eierlegern schnell genug stibitzen – was wäre schon ein Sonntagsfrühstück ohne Sonntagsei?
Das hätte Er auch anders haben können – einheitlich schmuddelbraun, so eine Tarnung hätte es bestimmt auch getan, aber nein, es mussten gleich wieder alle möglichen Variationen und Farbkombinationen sein…
Die modernen Designer denken, sie hätten die Formel „Form folgt der Funktion“ erfunden. Lächerlich! Das beste Design gab es schon lange vor ihnen, und die Marke ist eindeutig, erfolgreich und immer erkennbar: „Made by God“.

Rosa

Der Weg zu meiner Arbeit ist genau festgelegt. Jeden Morgen gehe ich den Weg, der einerseits der schönste und ruhigste, andererseits fast der schnellste ist. Um die Ecke an der Buchenhecke vorbei, unter den Linden im Schatten entlang, dann auf rotem Pflaster im Sonnenschein zur Fußgängerampel.
Aber für zwei Wochen im Jahr ändere ich diese morgendliche Route und nehme einen kleinen Umweg in Kauf, und wenn die Sonne scheint, tue ich das abends noch einmal. Denn an diesem etwas längeren Weg steht ein Baum, der die meiste Zeit des Jahres unscheinbar und völlig normal aussieht, ja, wenn ich ehrlich bin, sogar schon etwas schäbig und alt. Aber in diesen zwei Wochen verändert er sich von Grund auf und zieht mich magisch an – denn er blüht.
Und bei diesem knorrigen Baum ist das nicht ein einfaches Knospenentfalten, nein, dieser Baum quillt über und über von rosa Blütentrauben, die Äste hängen nach unten und tragen schwer an der Last, es ist ein rosanes Meer von samtigen Blättern, durch das in der Morgensonne der knallblaue Himmel blitzt. Wenn eine leichte Brise geht, bewegen die Äste sich ein wenig, und wenn ich darunter entlanggehe und Glück habe, fallen leichte Blütenblätter wie ein zarter Gruß auf mich hinab. Manchmal weht der Wind stärker, und der rosa Regen begleitet mich noch ein Stück die Straße hinab und spielt Fangen mit meinen Beinen.
Das ist oft der Moment, in dem ich eins bin mit mir und dem Morgen im Allgemeinen. Ja, es gibt viel Schlimmes auf der Welt, aber dieser eine glückliche Moment, der gehört mir und er ist auch für mich gedacht – es kommt darauf an, ob ich ihn sehe oder nicht. Ich könnte ja auch anders herum gehen, an der Buchenhecke entlang. Aber ich tue es nicht. Denn diese Tage im Jahr sind rosa und Gott lächelt mitten in den hellen Blüten.

Jaaa, das sind keine Kirschblüten, aber wunderbar rosa sind sie auch. 🙂

Erkenntnisse

Dieses Wochenende war anstrengend, und es brachte eine Erkenntnis mit sich. Manchmal verliebt man sich in eine Idee – sie ist so hell und strahlend, und sie bringt so viel Freude mit sich, man kann gar nicht anders, man muß sie lieben, und alles, was man tut, unterwirft man der Entwicklung dieser Idee. Sie wird umsorgt, gehätschelt, man bringt ihr viel Zeit und Kreativität entgegen – kurz: Man tut alles, damit es ihr gut geht.
Wenn man aber genau hinsehen würde (was man natürlich nicht tut, denn man ist ja geblendet vom Licht), gibt es da einige Untiefen. Schattige Stellen. Ungereimtheiten. Zuerst will man es nicht sehen, dann nimmt man es wahr, erträgt es aber nicht, genau hinzusehen, zuletzt erkennt man, ob man will oder nicht. Dann fängt die Trauerarbeit an. Abschied nehmen von dem, was das Leben eine Zeitlang sehr hell gemacht hat: Freundschaft, Liebe, eine Vision, ein Lebensentwurf, was auch immer.
Vielleicht muß man ganz Abschied nehmen. Vielleicht ist es die eigene Idealvorstellung, die nicht funktioniert hat, und man könnte es auf ein machbares Maß herunterbrechen. In jedem Fall schmerzt der Abschied, denn man hat die Idee wirklich geliebt. Mit allen Facetten. Die Erkenntnis ist da, aber sie brachte keinen strahlenden Blick in die Zukunft, sondern die Einsicht: Man hat sich getäuscht. Tatsächlich. Obwohl man sich so sicher war.
Und das ist das einzig Gute an so einer Ent-Täuschung: Tatsächlich. Man kann sich täuschen. Obwohl man es anders gedacht hatte. Ich bin mir meiner Gedanken oft so sicher, dass ich vergesse, wer ich bin. Nämlich ein Mensch unter vielen Menschen, die alle denken, sie hätten die einzig wahre Sicht aller Dinge. Wenn aber jeder Mensch das von sich denkt und demnach immer Recht hätte – dann haben wir wohl ein Problem, oder? Wie hält Gott es bloß mit uns aus? Es ist mir ein Rätsel. Aber ich bin ja auch nur ein Mensch. Gott sei Dank.

Morgennebel

Jetzt ist wieder die Zeit – fährt man morgens über die Landstraßen, ist er da, der Morgennebel. Weich liegt er auf hölzernen Zäunen und Gräben, wabert über die feuchten Straßen, bleibt an Büschen hängen und streckt seine langen Finger über die Wiesen aus.

Neulich beim Fahren kam mir der Gedanke, dass diese Gespinste aus Wassertröpfchen und Luft Gottes Träume sein könnten. Er träumt sie in klaren Nächten, wenn die Sterne am Himmel stehen und die Luft so klar und kalt ist, dass man die Milchstraße erkennen kann und manchmal Satelliten vorüberziehen sieht. Sanft sinken sie auf unsere Wiesen und verwandeln scharfe Konturen in federzarte Rundungen.

Schöne, stille Gedanken sind das, von großer Güte und Harmonie, und doch kristallklar wie Wassertropfen am Morgen. Und er hält sie nicht auf, lässt sie herabsinken für uns, damit wir kurz innehalten, früh, am Morgen, wenn wir schon keine Zeit mehr haben und eilig irgendwohin müssen. Damit wir sehen, wie schön ein Morgen in unserer Welt ist, welch ein lebendiges Wunder um uns herum, immer und immer wieder, jeden Tag neu.