Äpfel

Ich bin ein Apfel.
Ja, meine Güte, jetzt gucken Sie nicht so. Ich kann doch auch nichts dafür.
Ich? Ich hab doch keine schlechte Laune, wie kommen Sie darauf?
Obwohl. Finden Sie, dass ich schlecht aussehe? Irgendwie komisch? Nein, oder? Und trotzdem bin ich immer der letzte, der am Buffet genommen wird. Alles andere geht vor mir weg, die langweiligen Bananen, Orangen sowieso und sogar diese steinharten Kiwis versuchen die Leute eher zu essen als mich, selbst, wenn ihnen der Löffel dabei abbricht. Tja. Ich bin ja auch bloß ein Apfel.
Und immer diese enttäuschten Gesichter, wenn man mich in den Pausenbrotdosen findet! Och, bloß ein Apfel, wie oft hab ich das schon gehört. Das gibt einem schon zu denken.
Und hier? Hier wurde ich heute morgen auch schon mehrfach abgelehnt oder schief angeguckt! Hätten Sie das auch bei Weintrauben gemacht? Na? Genau. Sehen Sie.
Dabei habe ich nicht nur Schauwerte wie diese angeberischen Ananas, bei denen man nie weiß, ob sie reif sind oder noch so sauer, dass einem die Zähne ausfallen. Ich meine, was soll denn das mit diesen grünen Haaren, die sie alle mit sich herumtragen? Man kann sie nicht essen, sie stechen und sie verstopfen den Biomüll. Ich dagegen! Ha! Mich kann man mit Stumpf und Stiel essen, wenn man will! Gut, meine Kerne sind ein bisschen bitter, aber sonst bin ich voll essbar oder voll kompostierbar, je nachdem, wie lange ich irgendwo vergessen werde. Schultaschen und große Ferien sind da ungünstige Querverbindungen.
Und außerdem habe ich auch innere Werte! Bei mir geht es nicht nur um das Äußere! Ich habe Polyphenole, Flavonoide, Carotinoide, das Quercetin, das Catechin, das Kaempferol, das Hesperetin, das Myricetin und das Phloridzin – ja, da staunen Sie! Alles entzündungshemmende Antioxidantien! Ich habe Ballaststoffe, ich bin gut für den Darm, ich helfe beim Abnehmen und sogar gegen Asthma! Wer will denn da noch Erdbeeren, wenn man mich haben kann! Haben Sie schon mal Erdbeeren auf dem Erntedanktisch gesehen? So!
Und trotzdem. Ich bin ein reines Vernunftobst. Bei mir heißt es immer nur: Nimm doch einen Apfel für den Notfall mit. Was soll das denn heißen? Man isst mich nur im Notfall? Nicht aus Liebe? Oder weil ich einfach ich bin? Bedeutet das, ich werde nur gegessen, wenn sonst absolut nichts anderes mehr da ist? Und da verlangen sie von mir, dass ich gute Laune haben soll?
Dabei bin ich vielseitig! Sie können nun wirklich nicht behaupten, ich würde mir keine Mühe geben. Ich blühe weiß und rosa, ich dufte nach Frühling, ich wachse ziemlich zuverlässig, ich bringe gute Erträge und ich bin mit Sicherheit im September reif, pünktlich zum Erntedank, ganz im Gegenteil zu den völlig überschätzten Erdbeeren. Und anders als diese hyperempfindlichen Kirschen oder Pfirsiche kann man mich lagern! Wenn es gut läuft, bin ich auch im Februar noch essbar und schmecke dabei sogar! Früher war ich DAS Obst zum Erntedank! Gut, ja, Birnen gibt es auch noch, aber die kriegen schon braune Flecken, wenn man sie nur scharf ansieht, und dann kommen die Wespen. Ich bin da viel robuster. Obwohl die Wespen mich auch lieben. Immerhin die. Und der Schöpfer liebt mich auch, das ist zumindest ein Gutes.
Dass ich eine seiner guten Ideen war, ist doch klar, oder? Ich bin keine kleine Nascherei für zwischendurch wie die Himbeeren, nein, ich bin ein solider, saftiger, knackiger Apfel, eine kleine Zwischenmahlzeit! Und eine Verpackung brauche ich auch nicht.
Die Ernte lohnt sich bei mir, da kommen leicht ein paar Säcke voll zusammen. Falls ich Würmer als Unterbewohner hatte, mögen mich auch Pferde und Schweine und Hühner, und mein Baum spendet Schatten im Sommer. Und was man aus mir alles machen kann! Denken Sie an Apfelkuchen mit Schlagsahne! Oder an heißen Apfelpunsch mit Eierlikör! Oder an den Geruch in der Mosterei beim Apfelsaftmachen. Oder wie der Apfelbaum aussieht, wenn ich reif bin. Wie ich dufte, wenn man mich anbeisst!
Und wenn sich jemand findet, der mich in Schnitze schneidet, werde ich überraschenderweise auch gegessen. Das Leben ist seltsam.
Ich werde unterschätzt, das ist mein Los, so ist das Leben. Aber ich kenne meinen Wert! Kennen Sie Ihren auch? Und wenn irgendwo jemand Apfelschnitze isst, oder Pfannkuchen mit Apfelmus, solange meckere ich nicht rum. Ich gehöre dazu, zu den Kürbissen, den Kartoffeln und den Nüssen, zum Weizen und zum Dinkel, meinetwegen auch zu den Kastanien. Dabei haben die auch bloß Schauwerte. Und die Birnen mögen zwar meinen, sie seien das süßere Obst, aber ich, ich bin das Obst, das alles kann. Und deswegen wird immer ein Korb mit Äpfeln auf dem Erntedanktisch stehen.

Abschied im Guten

Dieses Wochenende ist jemand aus unserer Gemeinde gestorben. Ich finde, sie war eine außergewöhnliche Frau, und obwohl ich nie ein längeres Gespräch mit ihr geführt habe und auch keine nähere Beziehung zu ihr hatte, beschäftigt mich ihr Tod.
Sie war einer dieser Menschen, die Helligkeit um sich verbreitet haben. Man hat ihr gerne zugehört und sich gefreut, wenn sie einen begrüßt hat – und sie hat immer alle begrüßt. Jung war sie nicht mehr, 75 Jahre ist sie alt geworden, aber ihr Kopf war im Heute zuhause und ihr Herz war immer weit und sehr warm.
Einmal war sie in unserem Jugendkreis eingeladen, um etwas aus ihrem Leben zu erzählen, und dieser Abend zählt zu denen, die man nicht so schnell vergisst. In vielen Gesprächen fiel ihr Name, sie war eine Authorität für Menschen jeden Alters, und sie ist und bleibt ein Vorbild. Wie schafft man es, älter zu werden und das zu akzeptieren, die Erkenntnisse und Erfahrungen des Älterwerdens anzunehmen, dabei aber trotzdem geistig jung zu bleiben und sich ein weites Herz zu bewahren? Ihr ist es gelungen.
Die Menschen, die mit ihr zu tun hatten, ihre Verwandten und Freunde könnten sicherlich sehr viel mehr erzählen als ich, aber selbst meine wenigen Erfahrungen mit ihr waren etwas besonderes. Es schmerzt, dass sie schon gehen mußte, wir werden sie schrecklich vermissen. Aber sie ist da, wo sie hinwollte – und wir hatten sie eine lange Zeit hier, sie hat uns bereichert und uns vieles beigebracht. Das zu wissen, ist tröstlich.

Gemeinde – einer für alle, alle für einen

Am Wochenende bin ich in die Ferien gefahren – mit 53 weiteren Menschen (das war übrigens vor Corona). Nein, es war keine Massenflucht oder ähnliches, nur ein kleiner Pfingsturlaub mit vielen netten Menschen. Da ich mit für das Programm verantwortlich war , bin ich früher gefahren, in einem Auto, das bis zum Rand vollgestopft war mit Tüten, Taschen, Eimern, Schalen, Kisten, Stoffen, Mappen, Rucksäcken, Hüten (ja, Hüte – Strohhüte, um genau zu sein )… es war warm und kuschelig im Auto… wie es eben so ist, wenn man vorbereitet und für alle Eventualitäten gerüstet sein will.
Am Abend vorher habe ich gepackt und eine laaange Liste abgehakt, um ja nichts zu vergessen. Der Berg vor der Haustür wurde immer größer und leider auch immer schwerer, aber zum Schluß hatte ich alles. Dachte ich jedenfalls. Als wir uns dann nämlich am Abfahrtsort getroffen haben, um alle unsere Sachen zusammenzuschmeissen, fiel mir auf, dass ich die Glasmurmeln für die Murmelbahn vergessen hatte. Naja, nicht so schlimm, jemand anderes hatte Murmeln dabei.
Auf dem Weg zu unserem Ferienort fragte mich eine der Mitreisenden, ob ich eigentlich an die Plastikbecher gedacht hätte. Arghh. Nein, hatte ich nicht. Und auch nicht an die Strohhalme, die dazugehören. Hektisches telefonieren war die Folge, und infolgedessen stellte ich fest, dass das Mobilfunknetz in weit abgelegenen Gegenden nicht wirklich die reine Freude ist.
Als wir dann ankamen und die Räume besichtigt haben, kamen wir an einem Klavier vorbei, und meine Knie wurden weich – die Liederbücher! Ich hatte vergessen, die Liederbücher einzupacken! Und nun war es auch zu spät, um noch jemanden anzurufen… ich sah mich schon mit meinem einem, einzigen Buch da stehen, und hinter mir ein riesiger Pulk von Menschen, die alle verzweifelt versuchen, die nächste Liedzeile zu erhaschen… aber ein paar Stunden später sah ich die Bücher in einem Raum liegen – jemand anderes hatte daran gedacht.
Ist das nicht schön? Drei Dinge vergessen und trotzdem war zum Schluß alles da. Ich dachte, ich wäre allein verantwortlich – aber andere Menschen haben mitgedacht und waren hilfsbereit, und so war zum Schluß alles da. Genauso sollte Gemeinde sein – und nicht nur Gemeinde. Finde ich! Im Namen aller, die schon mal etwas vergessen haben.

Frühlingseinkauf

Frühlingseinkauf
 
Am Samstag war ich im Gartencenter. Eigentlich wollte ich nur zwei oder drei kleinere Dinge für ein Geburtstagsgeschenk suchen, aber das Center hat mich hinterrücks überrumpelt. Hinein ging ich nur mit meiner Geldbörse und guter Dinge, heraus kam ich mit einem Einkaufswagen, in dem sich:
 
a)     ein großer Metallkasten
b)     4 kleine Tontöpfe
c)     ein großer Topf Lavendel
d)     zwei Säcke Blumenerde
e)     6 Packungen Kräutersamen
f)      1 Zehnerpack Männertreu
g)     1 Miniwacholder
h)     1 undefinierbares, aber hübsches Gewächs von 5cm Größe und
i)      1 Blumentopfuntersatz
 
befanden. Wie konnte das passieren? Ich weiß es nicht. Vielleicht war die feuchte Gewächshausluft schuld, oder die Gene von Generationen von Ackerbauern haben rebelliert… ich weiß nur, irgendwann war egal, ob da nun noch Petersilie zum Lavendel dazukommt oder nicht. 
Später, als dann alles hübsch auf meinem Balkon verteilt, gepflanzt und ausgesät war, habe ich mich dabei ertappt, daß ich vor den Kästen mit Erde stand und mir besorgt überlegt habe, ob die Kleinen es wohl auch warm und feucht genug haben, und ab wann man wohl was sehen kann… und ob sie es überhaupt schaffen, groß und stark zu werden… und ob ich den richtigen Dünger genommen habe… 
So im Nachhinein stelle ich fest: Das hat ein bißchen Ähnlichkeit mit Gemeinde. Da fragt man sich solche Sachen auch: Haben die Leute es warm genug? Ist das, was wir tun, der richtige Weg für alle? Steht niemand auf dem Trockenen? Wie auch immer. Heute morgen habe ich mich unauffällig zur Balkontür geschlichen und nur einen ganz kurzen Blick rausgeworfen. Man weiß ja nie, Bodenfrost und so… vielleicht sollte ich doch noch den Heizstrahler rausstellen…